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Der Weg zum Reichtum

17. Januar
Umme kommt an meinen Schreibtisch und strahlt: „Ich weiß jetzt, wie ich ganz schnell ganz reich werde!“ Ach, und wie? Ganz einfach mit Köpfchen und mathematischem Grundwissen, sagt sie. Bei einer Spende geht man ja immer von einem positiven Betrag aus, der dem Spendenkonto gutgeschrieben wird. Wenn sie einfach vor den zu überweisenden Betrag ein Minuszeichen setzen würde, dann müsse der Negativbetrag doch vom Spendenkonto abgezogen werden und auf ihr Konto fließen! Also ich weiß ja nicht.

Na toll

14. Januar
Na toll, jetzt hat Umme meiner Drahteselin Rosinante auch noch einen roten Sattelschutz mit weißen Punkten geschenkt. Zusammen mit dem Felgenwärmer mit Blümchenmuster sieht der rostige Klepper nun aus wie eine Trümmerfrau in Aerobic-Stulpen und Fliegenpilz-Bademütze. Lala amüsiert sich köstlich, als ich mich auf den Sattel schwinge. Ihr schrilles Lachen dröhnt noch den ganzen Heimweg in meinen Ohren. Was erträgt man nicht alles, damit das treue Pedalenpony stolz seine neuen Sachen präsentieren kann.

20 * C + M + B + Kalle + 11

6. Januar
Es klingelt. Kalle öffnet die Tür und lauscht verdutzt den als Heilige Drei Könige verkleideten Kindern, die ihm ein Ständchen singen und dann Buchstaben an unseren Türrahmen kritzeln. Kurzerhand setzt er seine neue Mütze auf, wickelt sich ein Laken um und begleitet die Kinder. In unserem Viertel ziehen jetzt vier heilige Könige von Haus zu Haus: Caspar, Melchior, Balthasar – und Kalle. Gott weiß, was er den kleinen Sternsingern für Lieder beibringt.

Ein Ameisenbär lässt es krachen

31. Dezember
Kalle hat es mal wieder übertrieben. Während sich um 12 Uhr alle umarmen und auf ein schönes neues Jahr anstoßen, liegt er bewusstlos im Schnee. Noch schlimmer, Jugendliche missbrauchen seine lange Schnauze als Startrampe, um so ihre Raketen in den Mitternachtshimmel zu feuern. Davon weiß er nichts, als er am nächsten Tag vor der Glotze sitzt und das Neujahrsspringen anschaut.

Heiligabend

24. Dezember
Unter dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum öffnet Rosinante ihr erstes Geschenk: Juhu, ein Felgenwärmer mit Blümchenmuster! Außerdem einen Fit-for-Frühling-Wellness-Tag mit Rost-Peeling, Kettenöl-Massage und Bremsblock-Behandlung. Dann ist Kalle dran. Ungestüm zerfetzt er das Geschenkpapier: Uih, eine neue Mütze! Beim zweiten Geschenk strahlt er noch mehr: Boah, ein Pinup-Kalender mit den schönsten Ameisenbärinnen der Welt!

Danach sitzen wir gemütlich beim American Fondue zusammen: Dabei tunken wir Chips und Erdnussflips in verschiedene Dip-Soßen. Draußen ist alles wunderschön weiß. Ein wirklich beschaulicher Abend im Kreis meiner Lieben.

Ich-AG

20. Dezember
Der geschäftstüchtige Kalle vermietet jetzt seinen Iglu an die Nachbarskinder. Und der Rubel rollt. Aus dem ganzen Viertel kommen sie und warten stundenlang in der Schlange. Da steht er, mein Ameisenbär, und lacht dreckig, als er das Taschengeld der Kinder einkassiert.

Übernachtung im Schnee

19. Dezember
Kalle hat den Sonntag genutzt, um einen Iglu zu bauen. Am Abend rennt er direkt nach dem Tatort mit Schlafsack, Decken und Kerzen in den Garten. Etwas später schaue ich nach ihm. Aus dem Iglu ertönt ein leises Schnarchen.

Eiszeit, Eistee, Eis okay

17. Dezember
Draußen hat es Minusgrade, genau wie in der Agentur. Der Lord weigert sich angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage weiterhin zu heizen. Also hat sich Umme bibbernd einen Wärmeflaschen-Gürtel gebastelt. Ich wiederum sitze mit Wollmütze und Schal am Computer und versuche, auch mit Handschuhen einzelne Buchstaben auf der Tastatur zu treffen.
Lala fragt per E-Mail, ob ich Plätzchen und Tee zum Aufwärmen mag. „Schmeckt voll supi“ steht da. Ich schreibe zurück: „likewbewer ewerfrikerew ikch!“

5th GSC in Toronto, 8. bis 12. Dezember

11. Dezember
Monatelang haben die Spammer mich zugeballert. Die letzte Welle befasste sich mit meiner unausgewogenen Ernährung, die Titel der E-Mails trafen mich meistens mitten ins Mark: „Zu fett?“, „Schweine sind dick!“ und „Wiegen Sie eine Tonne?“. Die Welle davor versuchte mich mit vermeintlichen Behörden-E-Mails zu ködern: „Strafsache 42467“ oder „Vorladung zum Gerichtstermin“.

Doch seit vier Tagen herrscht völlige Ruhe. Keine einzige Mail. Vermutlich sind die Spammer gerade alle auf einer internationalen Tagung, der „5th Global Spammers Conference“ in Toronto oder so. Dort tragen sie Namensschildchen, essen teure Häppchen und debattieren über sinnvolle Strategien, uns zum Öffnen ihrer Spam-Flut zu verleiten. Die nächsten Wellen werden uns bestimmt E-Mails von verstorbenen Verwandten wie „Nachricht von Ururoma“ oder Warnungen à la „Dein Herd ist noch an“ bescheren.

Büroleiden

3. Dezember
Ich beschwere mich beim Lord, dass ich furchtbar verspannt bin, und verlange einen ergonomischen Schreibtischstuhl. Pustekuchen! Stattdessen schickt er Lala zum Massieren vorbei. Die lässt sich die Chance nicht entgehen, mir endlich wieder Leid zuzufügen. Als sie nach gefühlten vier Büffelherden auf meinem Rücken und Nacken wieder von mir ablässt und lächelnd „Tschaui“ sagt, tut alles noch viel mehr weh als vorher.

Der erste Schnee

27. November
Kalle schaut aus dem Fenster und jubelt: Schnee! Noch vor dem Frühstück rennt er mit Handschuhen raus zu Rosinante. Sie sammeln allen Schnee ein, den sie kriegen können. Auch die angrenzenden Gärten räumen sie wieder grün. Aus den Fenstern schauen die Nachbarskinder enttäuscht auf die wieder schneefreie Wiese. Und in der Mitte steht nun ein großer Schnee-Ameisenbär.

Das öffentliche Kaleidoskop

23. November
In der Mittagspause wundert sich Umme über einen älteren Mann, der eine ganze Weile in einen Altglascontainer guckt. Dann kommt noch eine Flaschensammlerin mit Plastiktüte dazu und schaut in den zweiten Container. Ich erkläre Umme, dass es sich um öffentliche Kaleidoskope handelt. Die Scherben der eingeworfenen Flaschen, vor allem die der falsch eingeworfenen in anderen Farben, lassen im Container ein riesiges Kaleidoskop mit wunderschönen Mustern entstehen. Umme freut sich und schaut auch hinein.

Ein Ameisenbär entfaltet seine Persönlichkeit

2. November
Lebensinhalt eines Ameisenbären ist das Fressen von Ameisen. Kalle, der die westliche Zivilisation inzwischen voll angenommen und gestern Chips mampfend „Wer wird Millionär?“ geschaut hat, strebt nun nach mehr, nach Selbstverwirklichung. Also probiert er es heute mit Meditation. Nach zwei Stunden kommt er furchtbar gestresst wieder nach Hause. “Was habt ihr denn da gemacht?” frage ich. “Nichts. Nur blöd rumgesessen und keiner durfte was sagen.” grummelt Kalle. “Und wie unentspannt die Leute plötzlich waren, als ich eine Chipstüte aufgemacht habe!” Empört fläzt sich mein Ameisenbär auf das Sofa. Beim Zappen und Chipsmampfen entspannt er sich langsam wieder.

Fehldiagnose

15. Oktober
Eigentlich hatte ich eine oberflächliche Untersuchung erwartet, so etwas wie „Wie fühlense sich? Wie lange schon? Nehmense das hier dreimal täglich.“ Nun soll ich aber meinen Pulli ausziehen, sagt die Ärztin. Wenn ich krank bin, ziehe ich immer die alten oder hässlichen T-Shirts an, weil es eh wurscht ist und sie dann endlich mal wieder verwendet werden. Heute ist es eben das Metal-Shirt mit der vor Blut triefenden Horrorvision eines infernalischen Endzeitgemetzels, das zum Vorschein kommt. Und mich in den Augen der hochgebildeten Ärztin in Weiß sicherlich als Kinderblut trinkenden und Müll nicht trennenden Unhold verunglimpft. Wenn die wüsste, dass ich bei Winnetou geweint habe.

Auf dem Oktoberfest

3. Oktober
Der Security schüttelt den Kopf. Trotz zünftiger Lederhose wird Kalle auch der Zugang zu diesem Wiesn-Zelt verwehrt. Um diese Uhrzeit platzen die mobilen Biertempel bereits aus allen Nähten. Mein kleiner ameisenfressender Freund ist untröstlich. Betrübt bleibt er mit dem Autoscooterauto in der Ecke stehen, während ich wild lachend Kinder und Rentner mit voller Wucht ramme, wenn diese gerade abgelenkt sind. An der rosa Zuckerwatte schnuppert Kalle auch nur lustlos. Selbst als ich ein paar Ameisen in der süßen Wolke verstecke, hat er keinen Appetit. Im „Magenbrecher“, der schlimmsten Achterbahn südlich des Nordpols, erschallt aus circa 50 Kehlen ein Kanon der Todesangst. Nur Kalle schaut stumm und traurig von oben auf die tobenden Bierzelte. Er wollte einfach nur hemmungslos auf den Tischen tanzen, Bier trinken und den Rest der Welt vergessen. Einfach mal die Sau rauslassen. Bis die Leute die Nachricht per SMS nach draußen senden würden: „Geil, hier steppt der Ameisenbär.“

Der Fotografiekurs

25. September
Nach der grauen Theorie machen wir uns auf zum Bahnhof, um dort unser neu erworbenes Wissen anzuwenden. Eineinhalb Stunden haben wir dafür Zeit. Nach einer Stunde wildester Knipserei auf den Bahnsteigen gehe ich in einen ICE und fotografiere dort weiter, fokussiere und zoome, bis mir schwindlig wird. Blankes Entsetzen erfasst mich, als sich der Zug mit einem Ruck in Bewegung setzt und erst 40 Minuten später wieder anhält. Im dortigen Bahnhof verdrücke ich wütend eine Bratwurst, warte auf den nächsten verdammten Zug und hadere mit der verdammten Welt. Die Rückfahrt dauert eine Stunde. Nach einer weiteren halben Stunde betrete ich zerknirscht den Seminarraum. „Also, dann bis morgen früh!“ sagt der Kursleiter gerade.

Kein perfekter Tag

18. September
Gerade als ich überlege, ob ich statt zu kochen lieber eine Tüte Chips öffne, kommt ein Sofortauftrag für den Ameisenbärverleih herein: Ameisen im Ehebett. Mein guter alter Drahtesel Rosinante äst noch friedlich im Hinterhofgarten, als ich ihr den Sattel überwerfe. Und los geht’s. Kalle sitzt im Bayern-Trikot hinten im Kinderanhänger. Mit Volldampf rasen wir ans andere Ende der Stadt, völlig erschöpft hängt Rosinante dort erst einmal schnaubend ihren Kopf in einen Wassereimer.

Im Ehebett unserer Kunden wimmelt es tatsächlich nur so von Ameisen, so dass Kalle sich umgehend an die Arbeit macht. Als wir nach einer halben Stunde nach ihm sehen, schläft er tief und fest auf den Kissen, die Hände auf dem kleinen vollgefressenen Bauch.

Zu Hause schauen wir zur Entspannung die Sportschau. Bayern spielt im eigenen Stadion nur 0:0 gegen Köln. Frustriert wirft Kalle sein Trikot ins ungesaugte Eck und ist den Rest des Abends nicht mehr für mich zu sprechen.

Bye-bye Urlaub

14. September
Mit dem ganzen Schwung meines dreiwöchigen Sommerurlaubs laufe ich gut gelaunt in der Agentur ein. Und komme damit so gut an wie ein Witzverkäufer auf einem Begräbnis. Furchtbar mies gelaunt zeigt der Lord auf einen Papierstapel von einem halben Meter Höhe mit den Worten: „Du kannst jeden einzelnen Urlaubstag nachholen!“ Mit heuchlerisch freundlichem Lächeln fragt Lala, ob ich einen schönen Urlaub gehabt habe. Betonung auf „gehabt“! Die Schadenfreude über mein Urlaubsende quillt ihr aus beiden Pupillen. Umme wirft mir Urlaubsflüche an den Kopf und verkündet, mir werde das Urlaubsfeeling gleich wieder vergehen und dass ich am besten sofort neuen Urlaub nehme. Das reicht. Ich lege ein Handtuch auf meinen Bürostuhl und creme mich erst einmal ein – mit Lordschutzfaktor 20.

Klaus ist raus

20. August
Das war zu viel. Praktikant Klaus hat mit sofortiger Wirkung gekündigt und verabschiedet sich von allen. Der Lord zeigt seine fabelhaften Führungsqualitäten und gibt ihm seinen unverhohlenen Ärger mit auf den Weg: „Diese Tür bleibt für dich für immer geschlossen.“ Klaus erwidert seine warmen Abschiedsworte: „Selbst wenn ich den Schlüssel hätte, würde ich ihn nach Mordor bringen und in die Glut werfen.“

Und dann fauchte der Drache

18. August
Wir sitzen im MiMi zusammen, im Mittwochsmeeting. Während der Lord jubelt, was für einen tollen Großauftrag er an Land gezogen hat, und Lala ihm augenaufschlagend Applaus klatscht, zähle ich die Salzkörner auf meiner Brezel. Der Lord fordert uns auf, für diesen neuen Großkunden auch mal mehr zu geben als sonst. Also an die normalen Überstunden auch mal eine extra Überstunde dranzuhängen.

Dann sammelt er Vorschläge für die Neugestaltung der Agentur-Website. Praktikant Klaus faselt etwas von einer animierten Saftpresse, die unsere Agentur darstellt und Blutorangen auspresst, auf denen die Namen der Mitarbeiter stehen. Totenstille. Umme hört auf, Kaugummi zu kauen. Alle Augen richten sich auf den Lord.

Dann werden wir Zeuge eines einzigartigen Naturschauspiels: Es beginnt mit einem Erdbeben, geht über in einen Vulkanausbruch und mündet im Auftauchen eines gewaltigen, vor Wut brüllenden Ungeheuers mit Brille und Krawatte. Es schreit uns einen kollektiven Hörsturz. Lalas Haare wehen im Wind. Der Lord zerfetzt Praktikant Klaus mit seinen verbalen Klauen, zerfleischt seine Kompetenz und zertrümmert sein Ansehen. Nach einer fünfminütigen Brüllarie lässt der Lord ab vom armen Klaus. Der kehrt völlig verstört an seinen Arbeitsplatz zurück. Und sagt den Rest des Tages kein Wort mehr.

Vertreibung aus dem Paradies

15. August
In den letzten Tagen haben nach und nach die Fruchtfliegen die Lufthoheit in meiner Küche übernommen. Die ersten Spähfliegen ignoriere ich noch, dann erschlage ich sie vereinzelt. Später erheben sich ganze Drosophila-Geschwader in die Küchenlüfte, sobald ich in die Nähe des Mülleimers komme. Als sich dann am Frühstückstisch vor meinen Augen Sturzkampffruchtfliegen in freiem Fall in meine frische Grapefruit bohren, muss ich handeln. Die zwei Grapefruithälften drapiere ich schön appetitlich im Mülleimer, die Mülltüte ziehe ich so hoch, dass ich die Öffnung blitzschnell schließen und verknoten kann. Dann gehe ich listigerweise zum Einkaufen, damit sich die Fruchtfliegen wieder in Sicherheit wiegen und zum feinen Schmaus in der Mülltüte versammeln können. Hier spiele ich bewusst die überlegene Intelligenz des Menschen gegenüber der Fruchtfliege aus.

Ich schleiche zurück in die Wohnung, stelle die Einkäufe schon im Gang ab und luge in die Küche. Die Fruchtfliegen feiern inzwischen eine Orgie in der Mülltüte, fressen maßlos, berauschen sich an vergorenem Saft, suhlen sich im Fruchtfleisch und erzählen dreckige Witze. Jetzt kann die Falle zuschnappen. Wie ein GI robbe ich zum Mülleimer, schlage die Tütenenden zusammen und verknote sie blitzschnell. Es wuselt wild in der Tüte, als ich sie nach draußen zum Container trage. Einige Fruchtfliegen schauen mit flehenden Augen durch die Plastikfolie, andere fressen weiter. Eine kotzt. Container zu, Schluss mit dem Sündenpfuhl.

Ende einer Entführung

7. August
Der Spuk ist vorbei. Umme hustet und niest nicht mehr. Nachdem die Erkältung mit ihrem ewigen Rumgeschleime immer nerviger wurde, hatte Umme die Nase gestrichen voll und setzte die Erkältung kurzerhand in einem Taschentuch im Wald aus.

Das wichtigste Ziel, nämlich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf den Befreiungskampf der Atemwege zu lenken, sei erreicht. Und die politische Debatte über die genannten Forderungen in vollem Gange. Eine Lösegeldzahlung streitet Umme daher vehement ab.

Doch mir ist nicht verborgen geblieben, dass sie sich trotz ihres armseligen Grafikdesigner-Gehalts teurere Säfte als früher kauft. Außerdem hat sie sich drei Paar Flip-Flops im Internet bestellt. Und sie hat einen neuen Klingelton, das ist doch nicht normal!

Politische Diskussion

3. August
Die Polizei sucht fieberhaft nach der verschleppten Erkältung, während Umme in der Agentur sitzt und einen Prospekt designt. Ich bringe ihr eine Hustensaftschorle und argumentiere auf sie ein. Beide Seiten, die Erkältung und die Atemwege, haben berechtigte Interessen, die man sorgfältig gegeneinander abwägen muss, sage ich. Gewalt kann doch keine Lösung sein! Umme schaut mich an wie Gudrun Ensslin einen Schlumpf und fragt, ob ich überhaupt wüsste, wohin die freien Atemwege führen. Ich schüttle den Kopf. Umme sagt bedeutungsschwanger: „So weit der Atem reicht.“

In den Schlagzeilen

31. Juli
Die verschleppte Erkältung auf allen Kanälen! Jetzt hat Umme die öffentliche Aufmerksamkeit, die sie wollte. Die Presse berichtet auf den Titelseiten über den Fall und druckt die Forderungen der Entführer ab:

- Allgemeine Befreiung der Atemwege
- Ende der Diskussion um Nasenlaufzeitverlängerungen
- Uneingeschränkter Schutz der Privatsphäre in Rachenräumen und Nasennebenhöhlen
- Weltweites Verbot der Anreicherung von schnupfenfähigem Schleim
- Verschärfung der Sicherheitsauflagen für Nasenbohrungen

Und auch die Forderungen des Verschleppten:

- Sofortige Freilassung
- Pizza Funghi und eine Cola

Chroniken des seit Menschengedenken tobenden Freiheitskampfs der Atemwege sind ebenso zu lesen wie Einschätzungen von Antiterrorexperten zur Entschlossenheit des „Kommandos überwachungsfreie Rachenräume“ (KÜR). Außerdem im TV: tränenreiche Interviews und herzzerreißende Appelle von Angehörigen der Erkältung.

Die verschleppte Erkältung auf der Titelseite einer Tageszeitung

Die verschleppte Erkältung auf der Titelseite einer Tageszeitung

Erkältung verschleppt!

29. Juli
Umme hustet und niest. Mit nasalierter Stimme offenbart sie mir, dass sie eine Erkältung verschleppt hat. Ich bin erschüttert – Umme eine Kidnapperin! Sie sagt, sie wolle damit für die Freiheit der Atemwege kämpfen und die Bürger auf die zunehmende Verschleimung der Gesellschaft hinweisen. Erpresstes Lösegeld würde an die sie unterstützende Kleinguerilla-Organisation „Kommando überwachungsfreie Rachenräume“ (KÜR) gehen.

Als Beweis, dass es der verschleppten Erkältung den Umständen entsprechend gut geht, zeigt sie mir ein Entführungsfoto: links Umme mit Geisel, in der Mitte der KÜR-Marketingchef mit Forderungsliste und rechts der Strategieleiter mit geballter Panzerfaust.

Die verschleppte Erkältung in den Händen der Entführer

Die verschleppte Erkältung in den Händen der Entführer

Verhärtete Fronten

26. Juli
Als ich von einem faszinierend sinnfreien Meeting zurück zu meinem Schreibtisch gehe, sehe ich Umme vor Wut kochen. „Die Putzfrau hat mich schon wieder gedisst“, brodelt sie. Von allen Arbeitsplätzen räumt die Reinigungskraft nämlich Gläser und Geschirr weg, nur von ihrem nicht mehr. Und ihren Mülleimer leert sie auch nicht. Und der mieft inzwischen ziemlich, vor allem nach Kaffee. Deswegen lässt Umme neuerdings überall Kaugummipapierchen fallen und wirft Essensreste in den Waschbeckenabfluss, den die Kontrahentin in einer uns unbekannten Fremdsprache fluchend wieder säubern muss. Ein verdeckter Psychokrieg.

Da kommt Lala herbeistolziert. Umme flüstert „Ach du Scheiße, auch die noch …“ und schüttet schnell ihren Kaffee in den Mülleimer, um zur Kaffeemaschine zu fliehen. Die Unterlippe der Putzfrau zittert vor Wut.

Die Natur als Vorbild

22. Juli
Kalle, der Ameisenbär, schaut mir neugierig beim Staubsaugen zu. Wie ich voller Energie über den Teppich gleite, mit den Händen Kleiderhaufen wegschiebe, allerlei Kleinkram vom Boden aufsammle und mit dem Rohr in Ecken stöbere. Beinahe wie er auf Nahrungssuche im Dschungel. Als ich fertig bin, untersucht er den Staubsauger ganz genau. Alles wie bei ihm, sagt er: lange Schnauze zum Aufsaugen der Beute, vier Rollen zum Fortbewegen und im Körper ein gewaltiger Magen. Jetzt ist Kalle der festen Überzeugung, die Menschen hätten den Staubsauger nach dem Vorbild der Ameisenbären erbaut, quasi als Staubsaugbär auf Rollen. Na wenn er meint.

Der Feind in meinem Bett

18. Juli
Das Zentralgestirn brennt mir aufs Hirn. Zur wohlverdienten Entspannung lege ich mich in die Auen am städtischen Fluss. Weil viele meiner Mitbürger die gleiche einzigartige Idee hatten, gibt es keinen vernünftigen Platz mehr im Schatten. Also drücke ich ein paar dornige Sträucher platt und breite darüber mein Handtuch aus. Ein Bett im Grünen.

Meine Augen und mein Gehirn lesen, der Rest von mir liegt herum. Nach einer halben Stunde drücken die Sträucher von unten gegen mich. Nach einer weiteren Stunde wieder. Ich schaue kurz unter mein Handtuch, um mir diese wehrhafte Pflanze anzuschauen. Weiterlesen. Ich wälze mich auf meinem Handtuch hin und her, es ist so schön heiß. Dann höre ich ein leises Seufzen. Und wieder drückt es von unten gegen meinen Arm. Verwundert schaue ich unter das Handtuch, diesmal sehr genau.

Zwischen Blättern und Stängeln sehe ich beige-braun gescheckte Haut – und sie atmet! Ich decke die Stelle wieder zu und stehe schnell auf. Langsam bewegt sich das Ding unter meinem Handtuch, bis ein Kopf mit zwei schwarzen Augen darunter hervorlugt. Dann kriecht sie raus, die größte Kröte, die ich jemals gesehen habe. Und die größte Kröte, auf der ich es mir jemals gemütlich gemacht habe. Eineinhalb Handteller groß in etwa. Sie schaut mich ziemlich sauer an, latscht dann wortlos über mein Handtuch und verschwindet in den Büschen.

WM-Schlusserklärung

14. Juli
Die deutsche Nationalelf hat in 4 Wochen mehr für das internationale Ansehen Deutschlands getan, als es 11 Westerwelles in 4 Jahren tun könnten.

Skandal beim Tippspiel

12. Juli
Das gibt’s doch nicht! Mit den letzten beiden WM-Spielen überholt der Lord noch Lala und mich in der Wertung, weil er beide Ergebnisse genau richtig getippt hat, sogar das 3:2 gegen Uruguay. Das stinkt doch zum Himmel! Umme ist sich sicher, dass der Lord mit Hilfe des Chef-ITlers das Tippspiel gehackt und seine Tipps manipuliert hat. Deswegen saßen die beiden letzte Woche auch so geheim und mit spanienrotem Kopf zusammen. Da hat er das alles ausbaldowert, dieser Blutsauger, um sich auch noch unsere Tippeinsätze unter den Nagel zu reißen!

Umme und ich umzingeln den Chef-ITler in der Küche und drohen ihm, den Hauptserver mit einem selbst programmierten Amok-Virus lahmzulegen. Doch selbst als ich eine große Spritze mit der seit Wochen abgelaufenen Milch aus dem Kühlschrank fülle und zur Injektion aushole, leugnet er alles. Vom dunklen Lord hat er wohl noch viel Entsetzlicheres zu erwarten. Dieser sitzt geifernd auf seinem Chefsessel und zählt genüsslich zum siebten Mal das erschlichene Geld. Aber für diesen schäbigen Betrug wird der Lord noch büßen…

Der nächste, bitte!

9. Juli
Der Typ im weißen Kittel auf der anderen Seite des Tisches ist mein Arzt. Er will, dass ich einen Belastungs-EKG mache. Ich höre wohl nicht recht, bei 35 Grad! Dass ich in dieser Bruthitze bereits zu Fuß die Treppen in seine Praxis hochgegangen bin, lässt er als Beweis meiner Fitness nicht gelten. Auf der fest montierten Praxis-Rosinante fange ich also an, in die Pedale zu treten. Schon nach 2 Minuten bricht mir der Schweiß aus allen Poren. Nach 12 Minuten glitsche ich einfach vom Sattel herunter auf den Boden und fließe in alle Richtungen. Die Schwester wischt mich auf und schüttet mich zurück auf den Stuhl im Besprechungszimmer. „Die Ergebnisse bringen uns nicht weiter“, sagt der Typ im weißen Kittel auf der anderen Seite des Tisches. Nun ist er nicht mehr mein Arzt.

Nach dem geplatzten Traum

8. Juli
Furchtbar schlecht drauf sind alle heute. Kalle vergräbt sich noch tiefer in seinen Kissenbergen, anstatt wie ein vernünftiger Ameisenbär aufzustehen. Autofahrer belegen andere Autofahrer mit den schlimmsten Beleidigungen, die die deutsche Sprache hergibt, und rasen dann mit quietschenden Reifen davon. Umme schimpft im 10-Minuten-Takt. Mal über die Arbeit, mal über die Hitze, mal über egal was. Der Lord sitzt ganz geheim mit dem Chef-ITler zusammen und brüllt mich mit spanienrotem Kopf hinaus, als ich kurz hereinklopfe. Einzig Lala glaubt, die Welt zu beruhigen, indem sie sagt: „Ist ja nicht so schlimm, das ist doch nur ein Spiel.“ NUR EIN SPIIIEEELLL????

Kaffeeanalyse

5. Juli
Ich bin wieder fit. Kalle dagegen sitzt am Frühstückstisch mit Eisbeutel auf dem immer noch schmerzenden Kopf und streicht sich appetitlos etwas Butter auf eine Ameise. Die WM hat ihn zu einem Teil des kollektiven Straßenwahnsinns gemacht. Aber ich denke, sein Einsatz im Halbfinale ist nicht gefährdet.

In der Agentur analysieren Umme und ich die Schwächen des spanischen Fußballs und streiten uns, wer im Fernsehen wohl die Rolle von Netzer und wer die von Delling bekommen würde. Da stolziert Lala im Deutschland-Kostümchen herein und sagt: „Das war ja wirklich supi-gut, das Spiel!“ Umme schüttet schnell ihren frischen, heißen Kaffee in den Mülleimer, um mit der leeren Tasse Richtung Kaffeemaschine zu fliehen. Allein ertrage ich, wie Lala mir unter die Nase reibt, dass sie im Agenturtippspiel knapp vor mir und dem Lord die Führung übernommen hat. Umme tut unterdessen so, als müsse sie erst die Bedienungsanleitung der Kaffeemaschine lesen, um sich einen neuen Kaffee zu zapfen. Als Lala wieder geht, findet Umme prompt den richtigen Knopf.

Heißer als der Juli

2. Juli
Mit 35 Grad ist der Zenit des Sommers erreicht, nur 4 Grad weniger als meine Körpertemperatur. In der Apotheke stellt sich ein wartender Kunde auf die Waage und erschrickt mit einem „Boaaah!“. Leidenden Blickes schleppe ich mich durch den Supermarkt. Auf den vorwurfsvollen Kommentar an der Frischtheke, zu wenig Wurst zu kaufen, erwidere ich ernst, dass ich krank bin. Der Blick der Verkäuferin fällt auf die Bierflaschen in meinem Einkaufskorb. Ich könnte ihr alles erklären. Aber ich gehe lieber nach Hause.

Oh, wie ist das schön

28. Juni
Nach dem historischen Sieg über England rennen Kalle, Rosinante und ich auf den Marktplatz, tanzen, singen und feiern. Kalle springt in den Brunnen, dreht für jedes deutsche Tor eine Ehrenrunde (und torkelt sogar beim Schwimmen) und trötet wie ein erkälteter Elefant in seine Vuvuzela. Zu dritt machen wir Polonäse durch die Menge, dann hüpft der ganze Marktplatz in kollektiver Ekstase. Kalle im völlig durchnässten Deutschland-Trikot kann kaum noch stehen, stützt sich auf seine Vuvuzela, nimmt einen kräftigen Schluck aus der zehnten Bierflasche. Ein schwarz-rot-goldener Schleier legt sich über seine bierbenebelten Augen. Apathisch gröhlt er „Soo sssseehn Siiegeeer aussss …“ – und kippt um.

Kalles Verständnis von Kundenorientierung

26. Juni
Ameisenbär Kalle im Kinderanhänger schreit „Hüaah!“, die rostige Rosinante wiehert quietschend auf und ich trete in die Pedale wie ein Irrer. Der rüstige Rentner hat uns einen Folgeauftrag bei einem befreundeten rüstigen Rentner beschafft, der Ameisen in der Küche hat. Während Kalle sich der ungeliebten Krabbeltiere annimmt, gehe ich schnell einkaufen. Als ich zurückkomme, sitzen Kalle und der Rentner auf dem Sofa und schauen WM, stoßen mit einem kalten Pils an und mampfen Chips. Kalle trötet ständig in die Vuvuzela, die er bei der städtischen Vuvuzela-Sammelstelle stiebitzt hat, der Schlawiner. Der Auftrag ist erledigt, wir fahren heim, begleitet von Kalles wohltuender Tröterei. Statt Ameisen in der Küche hat der rüstige Rentner nun Chipskrümel im Wohnzimmer.

Kunde Nr. 1

20. Juni
Der Ameisenbärverleih hat seinen ersten richtigen Kunden: „Kommen Sie schnell, ich habe Ameisen im Wohnzimmer!“ Zwischen den zwei WM-Spielen am Nachmittag düse ich auf Rosinante zur genannten Adresse. Ameisenbär Kalle sitzt im Kinderanhänger, noch ganz euphorisch vom Sieg Paraguays.

Über den Teppich des Wohnzimmers scheint das im Garten lebende Ameisenvolk eine Umgehungsstraße zu bauen. Verständlich bei den meterlangen Staus auf den Ameisenstraßen jeden Tag. Und außerdem dieser Dauerregen. Da ist eine überdachte Schnellstraße zugegebenermaßen ein großartiger Plan.

Der Kunde, ein rüstiger Rentner, freut sich über den Ameisenbär, der die im Bau befindliche Ameisenstraße fachmännisch begutachtet. Dann legt Kalle los. Er schlürft, er züngelt, er schmatzt. Schon nach zwei Minuten ist das Wohnzimmer ameisenfrei. Im Garten macht er weiter, bricht den Ameisenbau auf und verschlingt alle Einwohner. Der rüstige Rentner schüttelt mir begeistert die Hand und will auch Kalle noch einmal danken. Aber der sitzt schon mit dickem Bauch im Kinderanhänger und drängelt, damit er wieder WM gucken kann.

WM-Tippfieber

17. Juni
Die Agentur ist im Tippfieber. Ich liege mit meinen Tipps vorne, aber der Lord und Lala sind mir dicht auf den Fersen. Der Lord kämpft mit unfairen Mitteln: Er fragt jeden nach seinem Tipp, gibt selbst aber nur Falschtipps heraus. Außerdem schleicht er im Büro herum und schaut auf den Bildschirmen nach offenen Tippspiel-Seiten, wenn mal jemand kurz nicht am Platz ist. Und Lala, die von Fußball so viel Ahnung hat wie Gollum vom Bausparen, landet unfassbarerweise immer wieder Volltreffer. Tippt auf Ghanas Sieg gegen Serbien: „Hach, meine Cousine war mal fast mit einem aus Ghana zusammen, da dachte ich …“ Und bei Griechenland-Nigeria hat sie tatsächlich 2:1 getippt! „Die Griechen haben es doch gerade eh so schwer“ sagt sie.

Italien-Paraguay

15. Juni
Die wunderschöne, abwechslungsreiche italienische Nationalhymne erklingt. Die Kamera fängt dazu das Gequake der Spieler der Squadra Azzurra ein. Die Spieler Paraguays scheinen diese jämmerliche Darbietung gehört zu haben, denn sie versuchen erst gar nicht, ihre Hymne mitzusingen. Ah, jetzt doch, als die Hälfte der Hymne schon vorbei ist, stimmen sie mit ein.

1. Minute. Anpfiff. Ameisenbär Kalle und ich sitzen auf den Sofa-Rängen.
5. Das Telefon klingelt. Kalle verdreht die Augen, wer ruft denn während Fußball an??
23. Telefonat beendet, ich habe nichts vom Spiel mitbekommen, aber es ist auch nichts passiert.
26. Die Räume sind eng, das Spiel ist langsam. Kalle holt eine Tüte geröstete Ameisen.
28. Kalle kratzt sich an der Nase.
30. Der Paraguayer beim Einwurf sieht ein wenig traurig aus, einsam fast. Doch dann erkennt er einen Mitspieler und grüßt ihn. Endlich ein bekanntes Gesicht hier auf dem Rasen!
33. Fans in Regenkleidung. Ob man das Spiel nicht verschieben könne, es regnet doch in Strömen, gibt Kalle zu bedenken.
38. 1:0 für Paraguay!! Kalle jubelt sich heiser, er ist schließlich Südamerikaner und hat außerdem einen Ameisenbärkumpel in Paraguay. Olé!
43. Kalle und ich machen La ola auf dem Sofa. Schade, dass niemand diese perfekte Choreographie sehen kann.
55. „Mann mann mann!“ schimpft Kalle. Keine Ahnung über was.
62. Der Ausgleich für Italien, 1:1! Kalle wirft wütend die Fernbedienung ins Eck.
67. Italien wird nun stärker, Kalle ist nervös. Er sitzt da und wirft sich eine Ameise nach der anderen rein.
73. Der viermalige Weltmeister macht Druck, aber Paraguay hält geschickt dagegen.
75. Wildes Eingewechsle bei beiden Teams. Ein Fan aus Paraguay schickt Stoßgebete gen Himmel, dass dabei bloß kein gestreifter Italiener rauskommt.
77. Eckball Italien. Kalle wirft eine Ameise in die Luft. Ball und Ameise fliegen … Ich überlege, ob ich mal wieder saugen sollte. Doch Torwart und Ameisenbär fangen souverän.
80. Noch 10 Minuten. Kalle bibbert mit großen ängstlichen Augen und Krallen im Mund dem Abpfiff entgegen.
82. Aber es sieht gut aus für Paraguay: Die Italiener immer wieder mit technischen Fehlern und die Südamerikaner wehren weiterhin sehr geschickt ab.
86. Wieder Ecke für Italien! Kalle schreit auf und schlägt die Vorderbeine über dem Kopf zusammen, aber der Ball ist sicher. Ich hole die Fernbedienung aus dem Eck.
93. Abpfiff. Kalle lässt tanzend die Hüften kreisen und macht noch La ola, als ich schon lange im Bett liege.

Umme vor dem Kollaps

9. Juni
Später Nachmittag in der Agentur, ich komme zurück an meinen Schreibtisch. Alle Ordner liegen auf dem Boden, Schubladen sind aufgerissen. Mein Arbeitsplatz wurde durchwühlt! Auf meinem Stuhl sitzt Umme, in ihren Augen sehe ich völlige Erschöpfung und canyontiefen Frust. Und mir ist klar: Nutella ist aus.

„Wo ist deine Schoko-Notreserve?“ fragt sie mit einer letzten Kraftanstrengung. „In meinem geheimen Geheimversteck“, antworte ich und weiß jetzt schon, dass es nicht länger geheim bleiben wird. Ein Hoffnungsfunkeln schimmert in ihren Augen, gepaart mit kaum gebändigter Wut, dass ein Unmensch wie ich seine Schoko-Notreserve versteckt. „Und wo ist dein geheimes Geheimversteck???“

Ich deute widerstandslos unter den Schreibtisch. Wie ein Seehund taucht Umme unter den Tisch, entdeckt fluchend das kleine Pappschächtelchen, das ich mit Panzertape unter die Platte geklebt habe, reißt es herunter und nimmt es einfach mit. Nicht ohne mir noch einen vorwurfsvollen Blick dazulassen. Vereinzelt höre ich Knurpsen und schokoladige Wohllaute hinter ihrem Monitor.

Sommeridyll

6. Juni
Ich liege im Garten in der Sonne und lese. Links von mir liegen Wasabi-Chips und eine kühle Grapefruitschorle, rechts von mir Ameisenbär Kalle mit Sonnenbrille. Die stille Coolness wird nur vom Geräusch aufgeschlürfter Ameisen unterbrochen, die sich zu nah an ihn heranwagen. Dann schmatzt er. Rülpst. Und grinst zufrieden. Schläft ein und schnarcht, so dass ich mich überhaupt nicht mehr auf den Kontext im Mickey-Maus-Heft konzentrieren kann!

WM-Special

3. Juni
Special zur Vorbereitung auf die WM: 11 Fußballsprüche, mit denen du dich in jedem Spiel als Experte positionierst

Die WM ist eine nationale Angelegenheit – die Stimmung des ganzen Volkes hängt vom Abschneiden unserer Nationalmannschaft ab. Und wenn schon Jogi sich nicht die Bohne dafür interessiert, wen die 80 Millionen Bundestrainer im Land nach Südafrika mitnehmen würden, dann sollte man sich wenigstens bei Live-Übertragungen auf Fanmeilen, in Kneipen und Biergärten sowie vor dem Fernseher mit Freunden durch fundierte Zwischenrufe Gehör verschaffen. Mit Kommentaren wie „Elfmeterschießen ist der Tiebreak des Fußballs“ oder „Also dieser Jogi ist ja schon schick“ disqualifiziert man sich sofort.

Folgende 11 Fußballsprüche machen dich fit für die Endrunde:

1. Mann, rechts ist alles frei!
Wahlweise auch links. Zeigt deine Übersicht, deine Spielintelligenz.
2. Da muss viel mehr Druck über die Flügel kommen!
Laut rufen, wenn die Angriffsbemühungen im Nichts verpuffen. Klingt nach Bundestrainer.
3. Mann mann mann…
Bei schlechtem Pass, jedem Foul, Gegentor, leerem Bierglas oder Kopf im Bild. Passt immer.
4. Das möchte ich noch mal in Zeitlupe sehen!
Mit skeptischem, aber sachlichem Ton vortragen. Immer gut bei strittigen Entscheidungen, die Fouls, Abseits, Freistöße, Eckbälle etc. betreffen.
5. Ja, kann man geben.
Wenn der Schiri auf gelbe Karte, Freistoß oder Elfmeter entscheidet. Zeigt, dass du trotz emotionaler Hingabe das Spiel sachlich beurteilst. Du kennst dich einfach aus. Auf keinen Fall bei Entscheidung auf Einwurf verwenden.
6. Jetzt zieh ab, verdammt!!!
Stellt dich als Pragmatiker dar. Da wird nicht lange gefackelt.
7. Die wichtigen Tore sind nicht immer die schönsten.
Beim reingeduselten Siegtreffer.
8. Ich hol mal Bier.
Ganz wichtig, wenn das Bier schon wieder alle ist. Das beweist Teamgeist, du läufst die Extrameile, du beißt, du bist ein Feier-Biest.
9. Seine scheiß Ecken-Statistik kann er sich in den Arsch schieben!!!
Wenn der TV-Kommentator wieder eine sinnlose Statistik anbringt wie: „Nach Ecken würde es jetzt schon 3 : 1 stehen.“
10. So, jetzt Ball halten.
Wenn dein Land mit einem Tor führt, auch wenn das schon in der 12. Minute ist.
11. Deutschland ist und bleibt eine Turniermannschaft.
Direkt nach Abpfiff, wenn Deutschland mal wieder irgendwie gewonnen hat.

Ohrwürmer

29. Mai
Ohrwürmer sind eine bisher wenig erforschte Spezies. Vor allem die, die völlig zusammenhangslos, scheinbar aus dem Nichts auftauchen. Der Wecker klingelt, schlaftrunken torkelst du Richtung Bad und das erste, was dir an diesem Tag in den Kopf kommt, ist „Akropolis adieu“ von Mireille Mathieu. Du hast zwar die Hoffnung, dass du Text und Melodie bald wieder vergisst, aber schon unter der Dusche merkst du, dass du keine Chance hast. „Akropooolis … adieuu!“ summst du leise.

Dann in der Arbeit schreibst du eine E-Mail, ständig begleitet vom Radio in deinem Kopf. Statt „Mit freundlichen Grüßen“ tippst du „Adieu“. Und du hast keine Ahnung, woher ausgerechnet dieser Ohrwurm heute kommt. Warst noch nie in Griechenland und Mireille Mathieus Frisur hat dir auch nie so richtig gefallen. War es der Bericht über die Perser, den du vor drei Tagen gelesen hast? Ein Wörtchen darin hat sich in deinem Gehirn verselbständigt, hat mal ein bisschen frei rumassoziiert, bis es ein passendes Lied anstoßen konnte. Ein Rätsel. Ohrwürmer bohren sich in dein Gehirn, bleiben manchmal zwei bis drei Tage und verschwinden wieder, um sich einen neuen Wirt zu suchen.

Abends verlässt du deine Arbeit, steigst aufs Fahrrad und in sicherer Entfernung gibt es kein Halten mehr: Du schreist „Aggropooooooliiiiiis … adieuuuu, ich muss geeeehn, die weißen Rosen sind verblüüüüht, was ist gescheeeehn…“ Dein Drahtesel, in meinem Fall die gute alte Rosinante, verdreht die Augen und schämt sich fürchterlich vor den anderen Fahrrädern.

Ich geh in Druck

25. Mai
Im Copyshop muffelt es nach Papierstapeln, Toner, abgestandener Asche und frischem Schnaps. Zentrum dieses Tschernobyls für meine Nase ist der Mann, dem ich gerade erkläre, dass ich ein paar Hundert Werbe-Flyer für den Ameisenbärverleih brauche. In seinen glänzigen Augen lese ich „Wenn die Welt so verblödet, muss ich ja Schnaps trinken“. Aber aus seinem Mund kommen als Antwort die nach Rauch, Schnaps und faulenden Organen stinkenden Wörter „Gut, machen wir“, die sich nach Befreiung aus den Schlünden des Copyshop-Besitzers erst einmal angeekelt schütteln. Meinen Ohren ist den Rest des Abends übel.

Postfinale Depressionen

16. Mai
Schlecht gelaunt tigere ich durch die Wohnung und räume Sachen hin und her. Aus der Traum vom Bremer Pokalsieg. 0:4!!! Ohne jegliches Feingefühl für meine geschundene Seele sitzt Kalle im Bayern-Trikot auf dem Sofa und tüftelt an einem Kreuzworträtsel. „Deutsche Sagengestalt mit sieben Buchstaben?“, fragt er. „Thierse“, antworte ich. Kalle kritzelt die Buchstaben in die Kästchen. Hehe, er braucht bestimmt Stunden, bis er den Fehler findet.

Widerspruch

12. Mai
Lala ist nicht mit Ummes grafischem Entwurf für einen mehrseitigen Flyer zufrieden. Umme argumentiert, Lala hält dagegen. Umme wird sauer, Lala bleibt kühl. Lala zu Ummes letztem Argument: „Da widersprichst du dir aber.“ Umme schreit: „Quatsch!! Ich bin die einzige hier, die mir nicht dauernd widerspricht!!!“

Erster Flyer-Entwurf

11. Mai
Der Ameisenbärverleih braucht endlich einen Werbe-Flyer.

Erster Entwurf:

Ameisenterror?
Mieten Sie einen Ameisenbären!

(Foto vom sympathisch grinsenden Ameisenkiller Kalle)
(im Foto noch ein grüner Stern:) Für Haus und Garten.

Ameisenbärverleih-Logo
Ökologisch. Ökonomisch. Putzig.

Dieser Löw

6. Mai
Jetzt lässt also dieser Löw diesen Kuranyi zu Hause, den nach Kießling erfolgreichsten deutschen Torschützen der Liga. Auf Grund „taktisch und personell anderer Vorstellungen“. Man stelle sich vor, diese Engländer würden aus taktischen und personellen Gründen diesen Rooney zu Hause lassen! Oder diese Holländer diesen Robben!

Workie Talkie

27. April
Ich gebe Lala Bescheid, dass ich für den gewünschten Text für eine Anzeige noch eine Stunde brauche. „Oki!“ sagt sie. Eine Stunde später bin ich fertig. „Supi!“ sagt Lala. „Schnauzi!“ denke ich.

Raus aus dem Sumpf

16. April
Freitagabend 21 Uhr komme ich nach Hause, nach einer furchtbar stressigen Arbeitswoche. Der Fernseher läuft auf vollen Touren, leere Bier- und Schnapsflaschen stehen herum und Ameisenbär Kalle liegt stockvoll auf dem Sofa. An seiner langen Schnauze hängen Reste von weißem kolumbianischen Pulver. Kalle im Drogensumpf! Bestürzt beschließe ich, mich wieder mehr um den vernachlässigten Ameisenvertilger zu kümmern. Vielleicht melde ich ihn zu einem VHS-Kurs an: Gut vorstellen könnte ich mir Bauchtanz oder digitale Photosynthese.