Meta

Ausgelassen

Sie haben dich ausgelassen. Nach einem erschrockenen Blick auf die Uhr bist du von deinem Caféstuhl im Rasthaus aufgesprungen, hast dabei dem nervigen Dackel “Ernesto” deinen heißen Kaffee über den unästhetischen Kopf geschüttet (selbstverständlich aus Versehen), worauf sein noch nervigeres, schrapnellenartiges Frauchen mit Waldmeisterhut und Faltenrock dir gepflegte Unhöflichkeiten hinterhergerufen hat, und bist atemlos auf den Parkplatz gerannt. Von dort siehst du deinen Satz gerade auf die Datenautobahn einbiegen – ohne dich. “So ein verdammter …” keuchst du und kannst es nicht fassen. Ausgelassen, ausgerechnet dich!

So oder ähnlich ergeht es täglich tausenden Wörtern auf Deutschlands Datenautobahnen. Und – um das einmal klarzustellen – sie werden nicht vergessen, sondern absichtlich ausgelassen. Einfach mit drei kleinen unbedeutenden Pünktchen ersetzt, die nicht mehr aussagen als “Einst stand hier ein Wort, nun ist es aber fort”. Fragt man diese drei seltsamen Zeitgenossen, die mitten im Text auftauchen wie Schlaglöcher auf einer Bundesstraße, wo das Wort geblieben ist, zucken sie mit den Schultern und antworten hintereinander: “Keine Ahnung”, “Wie bitte?” und “Dumdidum”. Wer nur waren die armen Wörter in folgendem Satz: “Glaubt ihr, … Menschen sind nachtragend und ungeduldig …?”

Ist man beim Lesen auf die Auslassungspunkte nicht vorbereitet, schrammt man darüber wie beim Skifahren über einen Stein. Schlimmstenfalls verlieren die Augen sogar Gleichgewicht und Orientierung und man muss den Satz noch einmal von vorne lesen.

Das Schicksal der ausgemusterten Wörter ist weiter ungeklärt. Man hört von einer stillgelegten Mine, in deren tiefen Gängen die heruntergekommenen Wörter hausen, ausgestoßen aus der Gesellschaft, in Verbannung lebend wie Aussätzige zu Pestzeiten. Abends kommen sie zusammen, tanzen Polonäse, um auf nostalgische Art und Weise Sätze zu bilden, oder verarbeiten ihre Traumata, wenn sie bei der “Reise nach Jerusalem” schluchzend vor der voll besetzten Stuhlreihe stehen.

Ein anderes Gerücht vermutet eine Gegenbewegung der ausgelassenen Wörter. Sie würden sich zu ihren ursprünglichen Sätzen, Absätzen und Texten reformieren – aber ohne ihre privilegierten ehemaligen Satzkameraden. Wenn wir das Beispiel von oben nehmen, heißt es: “… [W]ir …, wollen Rache”.

Comments are closed.