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Flores – Vulkane, Vanille und Warane

Der Flughafen von Doha in Katar verbindet Ost und West, Nord und Süd und uns mit Indonesien. Ein Haufen Laoten in grünen Arbeitsuniformen wartet auf seinen Flug. Apathisch sitzen sie herum, schlafen neben- und aufeinander oder spielen mit ihren Handys. Im Fernsehen läuft eine Modenschau auf arabische Art: Über den Laufsteg wandeln verhüllte Frauen. Nach insgesamt vier Flügen erreichen wir schließlich unser Ziel: Maumere auf der Insel Flores.

Am Wodong Beach klettert Besitzer Chrístoph einfach mal ohne Hilfsmittel auf eine Palme, um uns Kokosnüsse zum Ausschlürfen herunterzuholen. Unser kleiner Bambusbungalow direkt am schwarzen Sandstrand unter grünen Palmen tut ein Übriges, um uns binnen Minuten den Stress und die Gefahren der Welt vergessen zu lassen. Einen Meter neben mir schlägt eine Kokosnuss ein.

Kokosnussernte

Kokosnussernte

Per Boot besuchen wir drei Fischerdörfer. Es ist eine andere Welt. Die Hütten sind auf Stelzen errichtet, die Bewohner leben von Fisch und Kokosnüssen. Im dritten, größten Dorf sind die Menschen etwas reicher: Dort leben sie von Fisch, Kokosnüssen und Satelliten-TV. Alle Kinder wollen unbedingt fotografiert werden und drängen sich vor meine Linse. Der zentrale Volleyballplatz im Dorf ist der Sammelplatz für Kokosnüsse. Nebenan in einem kleinen Hexenhüttchen dampft und brodelt es: Aus Meerwasser wird das Salz herausgekocht. Das Meersalz auf unserer Haut hingegen spülen wir abends verschwenderisch beim Eimerduschen ab.

Fischfang

Fischfang

Heim einer Fischerfamilie

Heim einer Fischerfamilie

Lagerplatz für die Kokosnüsse

Lagerplatz für die Kokosnüsse

Viel Zeit verbringen wir mit dem verbalen Wirbelwind Julia aus Graz. Besonders lachen wir über Beispielsätze in einem Indonesisch-Deutsch-Lernbuch. Sätze wie „Das ist der schwärzeste Hund“ und „Kannst du schon Reis essen?“ sind im indonesischen Alltag unfassbar wichtig und sollten noch vor den Begrüßungen gelernt werden. Dass Julias Sprache eine ähnliche Komik besitzt („Siedeln“ für „Umziehen“ und „Ausrasten“ für „Ausruhen“), behalten wir für uns.

Mit einem kleinen Bus geht’s an den äußersten Osten der Insel, in das Städtchen mit dem piratig klangvollen Namen Larantuka. Erst fahren wir an der palmenübersäten Küste und an Reisfeldern entlang, dann immer höher in die grün überwucherten Berge. Mein Sitz hat keine Lehne, Kinder starren uns mit großen Augen und offenen Mündern an. Eine Ziege wird auf das Dach gehievt, dort festgebunden und zum Schutz vor der Sonne mit Palmblättern bedeckt. Sie schreit. Unsere Nebensitzerinnen zur Rechten bieten uns kleine kandierte schwarze Früchte an, die schmecken wie Ritter Rrrrrum mit Chili. Die Fahrt wird immer kurviger, ständig müssen wir Vulkanen ausweichen. Vor, hinter und neben uns wird jämmerlich gekotzt. Der Bus hält extra an, um neue Spucktüten zu besorgen. Wir können trotzdem unbeeinträchtigt die herrliche Landschaft genießen, die grünen Vulkanhügel, hinter denen immer wieder das dunkelblaue Meer und kleine Inseln zu bewundern sind. Nach vier Stunden erreichen wir die wunderschön gelegene Küstenstadt Larantuka. Für die Einheimischen war es ein Höllenritt, für den man auf dem Oktoberfest eine schöne Stange Geld hinlegen müsste. Auch die Ziege auf dem Dach ist ganz bleich.

Die Ostküste von Flores

Die Ostküste von Flores

Schon allein die Sprache macht Indonesien sympathisch. In einem Land, in dem „Dreißig“ mit „tiga pulu“, „Achtung!“ mit „awas“ und „Schaf“ mit „biri-biri“ bezeichnet wird, muss man die Einheimischen ja lieb haben. „Mata“ heißt Auge, „Mata-Mata“ ist der Spion. Herrlich logisch.

Der Geldautomat hat unser Vertrauen enttäuscht. Er spuckt nicht einen müden Schein aus, dabei haben wir uns voll auf ihn verlassen. Ob es noch einen zweiten Automaten im Ort gibt? Unser Geld reicht nicht mehr lange. Resigniert betreten wir die Bank, in der wir begrüßt werden wie Staatsgäste aus dem Ausland. Ja, sagt der Angestellte entschuldigend, er könne uns schon Reiseschecks tauschen, aber leider zu einem fürchterlichen Kurs. Ach, ihr konntet kein Geld abheben? Kein Problem. Er zeigt auf zwei grinsende Kollegen, die Geldbündel in einer Metallkiste stapeln. Wir müssen nur schnell den Automaten auffüllen. Durch die Fensterscheibe sehen wir, dass sich draußen schon eine Schlange geldgieriger Kunden bildet, die alle genau wissen, dass gleich die wöchentliche Füllung stattfindet. Hoffentlich bleibt für uns auch noch etwas übrig.

Eine dreistündige Fährfahrt bringt uns auf die Insel Lembata. Die Zeit vergeht mit wunderbaren Unterhaltungen, bei denen weder der Indonesier noch der Tourist erfasst, was der andere sagt, aber beide sich trotzdem prächtig verstehen. Dann fahren wir per Truckbus über eine holprige und kurvenreiche Waldstraße. Vier Stunden und drei Reifenpannen später erreichen wir unseren Zielort.

Fähre zwischen Larantuka und Lewoleba

Fähre zwischen Larantuka und Lewoleba

Lamalera - Dorf der Walfänger

Lamalera - Dorf der Walfänger

Das Dorf Lamalera lebt vom Wal- und Fischfang. Zwischen den Häusern hängen die Schwarten des letzten Fangs zum Trocknen aus. Ein gewöhnungsbedürftiger, traniger Gestank hängt in der Luft. Am schwarzen Sandstrand liegt ein modernder Walschädel, ein schneeweißer Hund schlabbert in Blutpfützen. Wie die Dinosaurierknochen in einem Urzeitmuseum liegen blitzblank poliert riesige Walknochen herum. In einem der Bootshäuser zeigt uns ein alter Walfänger seine Harpune: ein Bambusrohr mit Metallwiderhaken. Damit jagen die Fischer hier wie vor Hunderten von Jahren, nur für den Eigenbedarf. Und versorgen so ihr Dorf.

Zum Trocknen aufgehängt

Zum Trocknen aufgehängt

Schädel und Knochen eines Wals

Schädel und Knochen eines Wals

Modernde Überreste eines Wals: der Kopf

Modernde Überreste eines Wals: der Kopf

5 Uhr früh. Die Hitze staut sich noch immer im Zimmer und scheint gar nicht hinauszuwollen. Ich vergewissere mich zum zehnten Mal, dass das unfassbar harte Kissen unter meinem Kopf nicht doch ein Stein ist. Irgendwo läuft Wasser in eine Tonne. Hunde jaulen. Alle 1000 Hühner des Dorfes schreien, als wäre heute der Tag des jüngsten Hühnergerichts. Ich stehe auf. Aha, die Neuseeländer sind abgereist. Noch bevor ich mein Gesicht wasche, hole ich mir ein Kissen aus dem verlassenen Zimmer. Und trage dafür mit beiden Händen mein Steinkissen hinüber. Das Bett knarzt unter der Last.

Nach einer zweistündigen Wanderung entlang der Küste sitzen wir in einem kleinen Dorf vor einer Hütte, um uns Webearbeiten anzuschauen. Die Kirche ist gerade aus, immer mehr Menschen kommen, um uns zu betrachten. Schon bald stehen 30 Leute mit großen Augen in einem Kreis um uns herum. Sie beobachten uns, grinsen, unterhalten sich vereinzelt, ein Mädchen wird nebenher gelaust. Zwei Frauen bieten uns Schmuck ihrer Großeltern zum Verkauf an. Auf dem Rückweg wollen immer wieder Kinder fotografiert werden. Einfach so. Aus 100 Metern rufen sie „Mister, photo!“ und kommen angerannt. Andere zeigen uns seltsame Insekten.

"Mister, photo!"

"Mister, photo!"

Die Delphine spielen mit den Fischern. Zwanzig, dreißig dieser drolligen Kerle schwimmen neben unserem kleinen Holzboot und springen aus dem Wasser. Einige drehen dabei sogar bestens gelaunt Pirouetten in der Luft, um die eigene Achse. Die Fischer dagegen sind nicht zum Spielen gekommen, die Existenz des Dorfes hängt an ihrem Erfolg. Der Steuermann lenkt auf sie zu, der Harpunenmann setzt zum Wurf an, die Bambusharpune mit der frisch geschliffenen Metallspitze in der rechten Hand. Doch der tödliche Stoß bleibt aus, wir kommen nicht schnell und nah genug an die grauen Meeresakrobaten heran. Sie sind untergetaucht. Erst eine Minute später sichten wir sie wieder – etwa 100 Meter von uns entfernt. Wir geben Vollgas. Die Delphine springen und tauchen wieder. Wir suchen weiter. Da drüben! Der Harpunenmann zielt auf einen direkt vor dem Boot untertauchenden Delphin, doch zu schnell ist dieser wieder unter Wasser. Weg sind sie. Die Sonne brennt brutal. Fliegende Fische zischen über das Meer. Nach stundenlanger Suche und weiteren erfolglosen Angriffen geben die Fischer auf und fahren zurück an die Küste. Vom Meer erschallt das hämische Lachen der Delphine.

Wurfbereit - die Walfänger von Lamalera

Wurfbereit - die Walfänger von Lamalera

Delphine im Visier

Delphine im Visier

Früh um 4 Uhr sind alle Plätze im Truckbus schon belegt, also setzen wir uns zusammen mit einigen jungen Indonesiern oben drauf, die Füße auf der Fahrerkabine. Um diese Uhrzeit und mit Fahrtwind ist es ziemlich frisch, aber die Hauptsorge hier oben gilt dem Wald, der mit langen Ästen nach den Ruhestörern schlägt. Man muss ständig aufpassen, ausweichen und sich ducken, für Träumereien ist keine Zeit. Die Truck-Hupe direkt unter mir ist laut und die Waldstraße immer noch holprig und kurvenreich. Gut festhalten ist demnach genauso wichtig. Nach einer Stunde ist unten einer der drei Plätze auf der Ladeklappe frei geworden. Das ist kein Stück gemütlicher, aber immerhin trifft einen dort die Wut des Waldes nicht mehr.

Truckbus

Truckbus

Die Welt unter Wasser ist eine ganz eigene. Kleine blaue Teilchen gleiten links und rechts an mir vorbei. Halbstarke gelb-schwarze Fische mit ewig langer Elvis-Tolle drücken sich an weißen Korallen herum, während eine Schulklasse blau glitzernder Minifische ängstlich an ihnen vorbeihuscht. Ein Fisch mit grün-blassem Kopf verschwindet eilig hinter einem großen Stein. Schwarz-weiß gestreifte Fische zischen entschlossen durchs Bild. Auf dem Boden liegt ein Gebilde, das aussieht wie ein Haufen riesiger Erdnussflips, dahinter beginnen Wiesen und Auen aus Seegras. Ein Rochen schwebt unter mir über den Meeresgrund. Große blaue Seesterne fläzen faul zwischen den weißen Korallen, daneben liegt ein Organismus, der mit seinen Falten und Windungen einem Walhirn ähnelt. Ein platter orange-grüner Fisch mit spitzem Maul ignoriert mich. Dutzende von schwarzen Seeigeln verminen einige Meter weiter den Meeresgrund. Plötzlich merke ich, dass mich ein blau-brauner Fisch anstarrt. Ich fühle mich in meiner Privatsphäre verletzt und schwimme an Land, um in Ruhe zu frühstücken.

In aller Herrgottsfrüh stehen wir an den drei Kraterseen des Kelimutu. Unbewegt liegt das Wasser da, die Farben so intensiv wie angerührte Malerfarbe. Ein See ist türkis, einer braun und einer schwarz. Der Sage nach ziehen die Seelen der Verstorbenen hierher: die jungen Seelen in das türkise Wasser, die Seelen der Alten in die braune Brühe und die dunklen Seelen der Verbrecher in die schwarze Plörre. Durch die Mineralien ändern die Seen im Lauf der Jahre sogar ihre Farben. Ein faszinierender Ort.

Die Kraterseen des Kelimutu

Die Kraterseen des Kelimutu

In frischen Grüntönen ziehen sich wunderschöne Reisterrassen den Hang herunter, alle über kleine Zuflüsse bewässert. Mitten drin ist eine heiße Quelle, in der wir unsere strapazierten Körper mit einem dampfenden Bad beleben können. Hier und da steht ein prächtiger Wasserbüffel, der von allem unbeeindruckt in die Gegend starrt und Kaugummi kaut.

Reisterrassen in den Hügeln von Moni

Reisterrassen in den Hügeln von Moni

Viele Restaurants hier sind schäbig und heruntergekommen. Mal etwas an die Wand hängen, da streichen und dort mal wischen – schon sähe alles viel einladender aus. Stattdessen sitzt die Restaurantbesitzerin einfach nur gelangweilt da, niest in ihre Hand und macht uns dann einen frischen Orangensaft.

Im Regendunst liegt das Dörfchen Bena vor uns. Die traditionellen Bambushütten mit ihren hohen Dächern in den mystischen Nebelschwaden wirken wie die urzeitliche Siedlung einer vergessenen Kultur. Dutzende Büffelschädel und Schweinegebisse an den Wänden zeigen, dass die animistische Tradition in der Gegend noch lebendig ist. Bei Einweihungsfesten für die Hütten werden die Tiere geopfert und ihre Schädel außen zur Schau gestellt. Das Dorf steht unter Schutz und lebt von Touristen. Frauen bieten Ikat-Webereien sowie Vanille und Zimtstangen zum Verkauf an. Beim Lächeln leuchten ihre Zähne rot vom Betelnusskauen.

Traditionelle Hütten von Bena

Traditionelle Hütten von Bena

Büffelschädel

Büffelschädel

Der Bus fährt durch die Berge, in endlosen Serpentinen schlängelt sich das Band aus Asphalt durch die üppig grüne Szenerie. Auf den zwei Sitzplätzen neben uns sitzt eine fünfköpfige Familie. Die drei jüngsten der fünf Köpfe spucken in jeder Kurve. In jeder! Geschätzte 10.000 Kurven müssen die Mägen der Passagiere ertragen. Von den zehn Stunden Fahrt speien die Kinder acht. Eine traumatische Reise, ein Horrortrip. Ich hoffe, diese Fahrt ist für die arme Familie eine einmalige Angelegenheit und nicht der monatliche Verwandtenbesuch.

Bei der Unterkunftswahl in muslimischen Ländern sollte man immer die Entfernung zur örtlichen Moschee mit dem eigenen Schlafbedürfnis abgleichen. Vor allem in der letzten Nacht des Ramadan. Nach der entbehrungsreichen Fastenzeit scheinen die Muezzine völlig durchzudrehen. Mehrstimmig leiern sie über voll aufgedrehte Boxen ihre Gesänge herunter, zum Teil klingt das wie ein orientalischer Bienenschwarm. Stundenlang. Zur Feier des Endes der Fastenzeit fahren dann auch noch hupend die Autos durch die Straßen. Und das alles nachts um vier.

Nachdem der Bootsführer in einem tollkühnen Anlegemanöver sein Sonnendach zerstört hat, stechen wir guter Dinge in See. Unser Ziel ist die Insel Rinca, dort lebt die größte Echse der Welt. Wir tuckern vorbei an Dutzenden von kleinen Inseln, die sich kegelartig aus dem Wasser erheben. Immer wieder springen große Fische vor Freude jauchzend in die Luft. Auf einer Fläche von der Größe eines halben Fußballfelds schwimmen plötzlich Hunderte von Fischen an der Wasseroberfläche, zappeln und scheinen gemeinsam hoch zum Himmel fliegen zu wollen. Ein kleines Naturspektakel.

Inselwelt vor der Küste von Labuanbajo

Inselwelt vor der Küste von Labuanbajo

Wie ein Drachen aus alten Sagen und Legenden wirkt der großschuppige, mehrere Meter lange Komodo-Waran. Und er hat das Savoir Vivre perfektioniert. Den größten Teil des Tages liegt er herum, weil es ihm zu heiß ist. In der Früh und am Nachmittag lauert er dann Wildschweinen, Hirschen und sogar Wasserbüffeln auf, beißt einmal zu und legt sich wieder hin. Die giftigen Bakterien in seinem Speichel töten das Opfer, während der Herr Drache Siesta hält. Tage später spürt er das Tier dank seines guten Geruchsinns wieder auf und verschlingt es mit Haut, Haaren und Knochen. Bei so einem Gelage verdrückt er durchaus die Hälfte seines Körpergewichts von etwa 70 kg. Respektvoll schaue ich dem riesigen Waran aus einem Meter in die Augen, sicherheitshalber in seiner mittäglichen Null-Bock-Phase. Auf der Bootsfahrt zurück ins Quartier regnet es und ich träume von einem Grillfest, auf dem ich die Hälfte meines Körpergewichts verputze. Nur Fleisch, kein Salat.

Komodo-Waran

Komodo-Waran

Das potenzielle Opfer - der wunderschöne Wasserbüffel

Das potenzielle Opfer - der wunderschöne Wasserbüffel

Als nach zwei Tagen Fieber keine Besserung eintritt, suchen wir ein örtliches Krankenhaus auf. Eine Stunde warten wir im Untersuchungszimmer auf den Befund. Auf dem Boden Blutflecken. Neben der Liege zwei abgewetzte Gasflaschen, die aussehen wie Torpedos aus dem 1. Weltkrieg. Dann erklärt uns der Arzt, dass wir Malaria haben.

Mit Malaria kann man herzlich wenig anfangen. Man liegt mit Fieber herum, liest, grübelt und wartet, bis es vorbei ist. Man freut sich, dass man auf Grund der verfrüht beginnenden Regenzeit zumindest keine sonnigen Tage verpasst. Man isst nicht auf, was man bestellt hat. Man bekommt zu Hause im Tropeninstitut gesagt, dass man doch nicht Malaria, sondern Dengue-Fieber hatte.

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