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Hundemüde

Schläfrig blinzle ich durch die verschmutzten Scheiben des Zuges. Die Sonne ist gerade untergegangen, die letzte Helligkeit des Tages wird immer mehr von den Hügeln und Wäldern verschluckt. Die grünen Fetzen, die nicht müde werden, an meinem Fenster vorbeizusausen, sind mittlerweile grau. Monoton rattert die Bahn durch die Landschaft: tack tack … tack tack … tack tack.

Am anderen Ende des Waggons betritt der Schaffner das Großraumabteil. Auf dem Platz links von mir liest eine Frau gelangweilt das Bahn-Magazin und beobachtet dabei die anderen Fahrgäste. Vor mir sitzen Bundeswehrsoldaten und trinken schweigend Bier. Ich selbst muss notgedrungen dem Telefongespräch meines Hintermanns zuhören: “Ja … das hatte ich dir doch gesagt … ich weiß … aber glaubst du wirklich, ich würde das tun?”

In der Ferne sehe ich einen Hof. Dort ist die Bäuerin sauer, denn irgendjemand hat die Salami weggeputzt. “Glaubst du wirklich, ich würde das tun? Vielleicht war’s der Hund?” rechtfertigt sich der Bauer. “Der Hund, seit wann kann der den Kühlschrank aufmachen?” Der Knecht sitzt schweigend am Küchentisch und trinkt Bier, die Magd blättert gelangweilt in einem Bestellkatalog und beobachtet das zankende Bauernpaar. In der Ecke liegt grinsend der Hund.

Der Schaffner kommt näher. “Die Fahrkarten, bitte …” sagt er leise, fast zaghaft. Jaja, die Fahrkarten.

Schön hat es so ein Hofhund. Ich sehe ihn über die Wiesen rennen, Hühner in den Stall scheuchen und dem Bauern beim Erschlagen von Fischen zuschauen. “Die Fahrkarten, bitte …” höre ich nun etwas lauter, aber irgendwie immer noch zaudernd. Der Sommer brennt, der Hund liegt im Schatten eines Baums. Der Winter beißt, der Hund liegt vor dem warmen Ofen. “Entschuldigen Sie, die Fahrkarten, bitte …” sagt der Schaffner erneut in gleicher Lautstärke. Da will ihm wohl jemand nicht die Fahrkarte zeigen. Er könnte aber auch wirklich etwas forscher auftreten, er sollte die Fahrkarten einfordern.

“Hallo Sie, die Fahrkarten, verdammt!” brüllt er – jetzt reiße ich die Augen auf – mir direkt ins Gesicht. Na also, warum nicht gleich so. Ausrufezeichen verleihen Aufforderungen, Wünschen, Behauptungen und Ausrufen genau den nötigen Nachdruck, den ein Satz manchmal eben braucht! Schlaftrunken krame ich nach den Fahrkarten, die Frau links von mir grinst in ihr Magazin.

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