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Grenzerfahrungen

Reist man von Deutschland in die Schweiz, muss man den Grenzbeamten, je nach Automarke, Bartlänge und Herkunft, normalerweise den Pass zeigen. Denn hier beginnt ein anderer Staat. Reist man von Baden-Württemberg nach Hessen passiert überhaupt nichts. Wir befinden uns zwar nun in einem anderen Bundesland, aber immer noch in Deutschland. Was passiert aber, wenn wir von Deutschland nach Frankreich reisen? Genauso wenig, wie bei der Reise nach Hessen: kein Grenzbeamter, kein Pass. Nur die Leute dort sprechen etwas seltsam. Frankreich ist aber ebenfalls ein anderer Staat, was ist also passiert?

Die EU. Es war die EU. Sie verbindet die Teilnehmerländer zu einem europäischen Ganzen. Öffnet Grenzen, ohne sie ganz aufzulösen. Übernimmt Verantwortlichkeiten der Staaten, ohne deren Souveränität in Frage zu stellen.

Würde man an den erstbesten Haaren einen Vergleich heranziehen, könnte man den Sachverhalt, ähm, sagen wir mal, anhand des Semikolons beschreiben, erläutert in § 80 des Dudens. Dort steht: “Mit dem Semikolon kann man gleichrangige (nebengeordnete) Teilsätze oder Wortgruppen voneinander abgrenzen. Mit dem Semikolon drückt man einen höheren Grad der Abgrenzung aus als mit dem Komma und einen geringeren Grad der Abgrenzung als mit dem Punkt.”

Reist man also von Baden-Württemberg nach Hessen, bewegt man sich sozusagen noch innerhalb eines Satzes und muss höchstens ein Komma überschreiten. Die Schweizer gehören nicht zu uns, die gehören zu gar niemand, von denen trennen wir uns ganz klar mit einem Punkt ab. Die Franzosen gehören auch nicht zu uns, aber zur EU. Wir sind eine Gemeinschaft, nein, inzwischen sogar eine Union gleichrangiger Staaten. Frankreich steht uns politisch näher als die Schweiz und wird deswegen weder durch die Maginot-Linie noch durch die Wacht am Rhein, sondern nur noch durch ein Semikolon von uns getrennt.

Wer hätte diesem elitären Satzzeichen solch ein Engagement im Sinne der europäischen Sache zugetraut? Man stelle sich eine Satzzeichenparty vor: Während Komma und Doppelpunkt nach dem vierten Bier bereits Arm in Arm Sirtaki tanzen, das Fragezeichen sich mit einem Tequila Mut antrinkt, um endlich die hübsche Tilde anzusprechen, und das Ausrufezeichen mit DJ Slash lautstark über dessen Musikgeschmack diskutiert, steht das Semikolon zusammen mit dem Apostroph gelangweilt am Buffet und wünscht sich ins aristokratische 17. Jahrhundert zurück.

Ja, so kennen wir es, das majestätische Semikolon, König der Satzzeichen, Komma mit gekröntem Haupt. Und doch öffnet es Grenzen und trägt zur Völkerverständigung bei. Eben ein echter Europäer!

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