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Zeit der Stille

Bevor die Löwin zum tödlichen Sprung ansetzt, herrscht einen Moment Stille. Der Beobachter hält den Atem an, die Löwin verfolgt die Bewegungen ihres Opfers mit animalischer Präzision, das Zebra flüstert ein Stoßgebet. Dann ist für das Pferd mit den lustigen Streifen aus die Maus.

Szenenwechsel. Du hast dir zum ersten Mal ein Boogie Board ausgeliehen, wolltest irgendwie über oder durch die Brandung schlittern, keine Ahnung, doch die Wellen sind heute etwas übermütig. Sie lassen dich runterpurzeln und werfen sich auf dich. Milliarden Liter Wasser, du fühlst dich wie ein Stein. Als du endlich wieder weißt, wo oben und unten ist, tauchst du auf, schnappst nach Luft. Du blickst Richtung Ufer. Stille. Du drehst dich um – und das Meer haut dir in seiner ungebändigten Wut voll auf die Zwölf.

Jeder kennt sie: die Ruhe vor dem Sturm, die atemlose Stille beim Horrorthriller bevor der Klappspatenmörder auf sein Opfer einschlägt, das kalte Entsetzen ohne Worte, wenn man an Heiligabend den Kühlschrank öffnet und merkt, dass außer Ketchup und einer ehemaligen Zwiebel (“Cipolla Vecchia con Crema di Pomodoro Americano”, dazu trinkt man einen roten Essig, kalt servieren) nichts zu essen im Haus ist.

Um dies besser beschreiben zu können, haben wir als Stilmittel den Gedankenstrich. Mit ihm kann man ankündigen, dass etwas Weiterführendes oder Unerwartetes folgt. Er öffnete den Kühlschrank und sah – Roberto Blanco! Wie unangenehm.

Der Gedankenstrich verdeutlicht eine kurze Pause, ein Innehalten, einen Denkanstoß. Gerade das wünscht man sich in der Advents- und Weihnachtszeit – eigentlich ja eine Zeit der Besinnlichkeit – besonders: kauf hier, kauf dort, hohoho, billig billig, Liebe und so, kling Glöckchen klingelingeling, Kaufrausch im Kaufhaus, Jingle Bells! Wochenlang Weihnachtstrommelfeuer.

Nur die Adventssonntage laden noch zum Verharren ein. Gedankenstrich bei Kerzenlicht. Wenn die Geschenke ausgepackt werden wieder diese atemlose Stille. Oh Gott, was ist da bloß wieder drin! Sie öffnete die Schachtel und sah – den gleichen zebragestreiften Morgenmantel wie letztes Jahr …

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