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Island - einmal um die Feuerinsel

Eine Reise auf die Insel im Nordatlantik verspricht ein unvergessliches Naturerlebnis. Dreieinhalb Wochen toure ich mit dem Bus durch Island, zelte in den grünsten Landschaften der Welt, bade in Kraterseen und beobachte Eisberge und Seehunde.IMG_0049
Zündet man ein Streichholz an, hat man den Geruch Islands in der Nase. Denn so riechen oft die Luft und das heiße Wasser aus dem Hahn. Schwefeldämpfe steigen aus der Erde an den Stellen, wo Mineralien in bunten Farben an die Oberfläche treten. In neongelb, rot, weiß, braun, schimmelgrün und gorgonzolagraublau. Nebenan blubbern Erdtöpfe mit furchtbar heißen grauen oder beigen Brühen. Wie in einer gewaltigen Hexenküche.IMG_0298IMG_0343

Wenn man abseits der Hauptattraktionen wandert, begegnet man stundenlang keinem Menschen mehr. Das ist großartig, allerdings gibt’s dann auch keine Wegmarkierungen. So kann es durchaus vorkommen, dass man sich von einem Fjord aufmacht und höher und immer höher in die Berge steigt bis überhaupt kein Pfad mehr zu sehen ist, sondern nur noch steile Geröllfelder. Wenn man die nebst Schneefeldern überwunden hat, sieht man, dass es längst nicht auf der anderen Seite einfach wieder heruntergeht, sondern über weitere Geröll- und Schneehänge und wolkenverhangene Plateaus bis es Stunden später endlich wieder über Geröllfelder und steile Felsen ins liebliche Grün des Tals auf der anderen Seite hinuntergeht, über Heide, Moos und Blaubeersträucher.IMG_0098
Im frühen August sind die Tage so weit oben im Norden noch sehr lang. Man muss sich fast zwingen, zum Schlafen ins Zelt zu kriechen – um 23 Uhr ist es immer noch taghell. Von 1 bis 3 Uhr ist es dämmerig, dann wird es wieder hell. Im Winter ist es dann genau anders herum.

Trolle, Feen und Elfen sind in der isländischen Mythologie fest verankert und spielen auch im Alltag eine Rolle. So gibt es tatsächlich eine vom Bauamt Beauftragte für Elfen und Trolle. Beim Straßenbau wird dann durchaus die Straße um einen Felsen herumgebaut anstatt diesen wegzuräumen, wenn festgestellt wird, dass darin Elfen wohnen. Hier und da malen die Isländer deswegen auch kleine Haustüren auf Steine, damit deren Bewohner einen ordentlichen Zugang haben.

Die Aktivität der Vulkane prägt die Landschaft. Aus einem Krater herausgespien hat sich durch ein saftig-grünes Tal die Lava geschoben, ein alles mitreißendes, alles erstickendes breites schwarzes Band. Eine ganze Lavawüste wurde hier erschaffen. Mitten drin klaffende Wunden, nicht verheilte dampfende Erdspalten, radioaktiv-weiß schimmernde Pfützen, gelbe Pusteln, Rötungen, graue Narben. Und es sieht wunderschön aus.IMG_0227IMG_0215
Mit einem hochlandtauglichen Bus geht’s nach Askja. Wir furten durch Flüsse und fahren durch eine spektakulär unwirtliche Landschaft. Geröllwüsten, Lavafelder, Berge und vorbei an einem breiten, feindlich grauen Fluss, der auch in Mordor liegen könnte, so gewaltig, ohne Vegetation, düster zerklüftet, tosende Wassermassen durch die Felsen jagend. Wer hier reinfällt, hat keine Chance. Teile der Geröllwüste sind von Asche früherer Vulkanausbrüche bedeckt. Hier in der Gegend haben die US-Astronauten vor der Mondlandung trainiert. Askja besteht aus zwei Seen unterschiedlicher Farbe. Der eine ist ein Kratersee mit warmem, schwefelhaltigem Wasser. Wir baden darin – und riechen noch Tage später nach faulen Eiern.IMG_0482IMG_0503
Die Isländer haben keine wirklichen Nachnamen. Die Kinder von Magnus Svensson – Jonas und Hildur – heißen einfach Jonas Magnusson und Hildur Magnusdottir. Deswegen ist es auch sinnvoll, dass die Telefonbücher nach Vornamen sortiert sind. Die Kinder, deren Vater nicht zu bestimmen ist, heißen übrigens mit Nachnamen alle Hansson. “Hans” bedeutet nämlich auch “von ihm”.IMG_0935
Wo kommen eigentlich all die kleinen Eisberge her, die sich auf hoher See blutrünstig auf wehrlose Luxusdampfer stürzen? Jökulsarlon heißt eine dieser Brutstätten, ein kleiner Gletschersee direkt an der Küste, in den der unglaublich riesige Gletscher Vatnajökull kleine Eisberglein “kalbt”. Weiß und gletscherblau schimmernd treiben die Eisblöcke von hier langsam Richtung Meer. Dazwischen tauchen hier und da Seehunde auf und sehen sich verdutzt um. Am schwarzen Sandstrand liegen verendete Eisbrocken, die schmelzen und herrliche kristallartige Formen bilden.IMG_0568IMG_0635
Am Rande des Gletschers wandern wir auf 1100 m Höhe, trinken Bachwasser und genießen die allzeit phantastische Aussicht auf den größten Gletscher Europas und seine jede für sich schon gewaltigen Gletscherzungen, auf viele kleine Gletscherwasserfälle, auf grün-schwarze Hänge, auf das von Gletscherflüssen durchzogene Land und schließlich auf das offene Meer. Ein Traum.IMG_0726IMG_0730IMG_0752
Mit dem Bus über Holperpisten und durch Flüsse gelangen wir nach Thorsmörk, einem wunderschönen Gebiet am Rande von zwei kleineren Gletschern gelegen. Hier zelten wir, um dann in aller Früh durch eine traumhaft grüne, zerklüftete Berglandschaft zu wandern, immer höher, über Felsplateaus, Klettersteige, vorbei an Wasserfällen und zwischen den beiden Gletschern hindurch. Hier oben besteht der Berg nur noch aus schwarzem Lavagestein und Schnee. Als wir dann in Nebel und Wind geraten, gibt es nur noch Schwarz und Weiß – Lava, Schnee und Nebel. Man sieht kaum drei Meter weit, aber der Weg ist gut markiert, seitdem hier vor wenigen Jahren ein Wanderer bei ähnlichen Bedingungen vom Weg abkam und in der Nacht, nur wenige hundert Meter von der Berghütte entfernt, starb.IMG_1041IMG_1063
15 Wanderer nächtigen in der Hütte, alle in einem Raum. Am nächsten Tag verlassen wir die unwirtliche Gegend und wandern wieder durchs Grüne, bergab Richtung Küste, vorbei an dutzenden Wasserfällen, einer schöner als der andere. Jeder einzelne wäre in Deutschland eine Attraktion. Hier denkt man irgendwann nur noch: “Ah, sieh an, schon wieder ein Wasserfall.”IMG_1083
Mit der Fähre geht’s bei starkem Seegang zu den Westmänner-Inseln südlich von Island. Die Anschaffung der Spucktüten hat sich für den Fährbetreiber gelohnt, die Nachfrage ist groß. Ungefähr drei Stunden und sieben verschiedene Gesichtsfarben später erreichen wir das rettende Ufer. Der Campingplatz ist in einem Krater, trotzdem windet es wie auf Sylt – wir müssen das Zelt mit großen Steinen beschweren und hoffen, dass da keine Trolle drin wohnen. Am nächsten Tag ist windstill, blauer Himmel und Sonnenschein. Die folgenden zwei Tage auch. Unglaublich. Laut Einheimischen gibt es im Jahr genau vier solcher Traumtage auf diesen Inseln.IMG_1201IMG_1258
Was macht man als junger Mensch auf einer Insel, die 13 km² groß ist und 4.000 Einwohner hat? Wem die Decke auf den Kopf fällt, der steigt ins Auto und kurvt durch die Gegend. Wir hörten von einem 18-Jährigen, der zwei Monate nach Erwerb seines ersten eigenen Autos bereits 4.000 km gefahren war. Eine kleine Wendeplatte neben dem Campingplatz ist ein besonders beliebtes Ausflugsziel. Alle paar Minuten fährt dort ein Auto ohne ersichtlichen Grund vor, einmal im Kreis und wieder zurück. Als einmal drei Autos direkt hintereinander eintreffen, gibt es einen Stau.

Berühmt sind die Westmänner-Inseln auch für ihre zahlreichen Papageientaucher. Diese putzigen, etwas plump aussehenden Vögel mit ihren clownfarbenen Schnäbeln erinnern ein wenig an Pinguine, sind aber im Flug erstaunlich wendig. Sie leben direkt an der Küste und ernähren sich vor allem von Fisch. Deshalb schmecken sie gebraten auch leicht tranig und nach Ozean.

Zurück auf dem “Festland” erzählt uns ein Busfahrer, dass es vor wenigen Wochen ein Erdbeben in seinem Heimatort gab und es dort nun aus der Erde raucht und spuckt. Also fahren wir hin. Näher war ich dem Erdinneren noch nie: Der heiße Atem unseres Planeten dampft aus den Spalten, ein grauer Brei aus den Schlünden der Hölle blubbert kochend und unkontrolliert in Erdtöpfen, die sich hier frisch aufgetan haben. Ein schönes, aber auch bedrohliches Schauspiel. Und plötzlich macht es direkt unter uns “Rumms”– noch ein Erdbeben! Zu meiner Erleichterung finde ich mich nicht in einem neuen kochend heißen Erdtopf wieder, sondern kann wie geplant zurück zum Zelt gehen und stattdessen einem halben Kilo Nudeln dieses Schicksal zuteilwerden lassen.IMG_1343
Wir wandern, immer wieder von Schafen beobachtet, durch eine satt grüne Hügellandschaft. Es ist kalt und der Bach zu unserer Rechten dampft. Also legen wir uns rein – er ist richtig heiß. So heiß, dass ich eine Weile brauche, bis ich ganz drin bin. Aber dann ist es herrlich: Natur pur um mich herum, draußen ist es kalt und regnerisch und ich liege in einem Bach von bestimmt 43°C! Weiter oben gibt es zum Glück einen zufließenden Kaltwasserbach, ohne den der Bach wohl 60°C hätte und ich jetzt wahrscheinlich meine Haut in Streifen abziehen könnte.IMG_1396
Ich starre auf eine verdammt tiefe Pfütze. Minutenlang. Das Wasser wabert. Geht’s los? Nein, falscher Alarm. Das Wasser beruhigt sich wieder, aber wabert weiter. Und plötzlich steigt der Druck, das Wasser türmt sich auf. Für einen Moment bildet sich eine große, wunderschöne türkis-farbene Wasserblase. Dann folgt der Ausbruch und das kochend heiße Wasser schießt in einer Säule von 20 bis 40 Metern senkrecht nach oben. Und das alle acht bis zehn Minuten. Ich kann mich nicht satt sehen am Geysir und beobachte dieses Naturwunder drei Stunden.

Geysir Strokkur direkt vor dem Ausbruch

Geysir Strokkur direkt vor dem Ausbruch

Zwei kleine weiß-beige bis bräunliche Quader liegen auf meinem Teller, akurat geschnitten. Diese Spezialität nennt man “Hakarl” und wird aus dem Grönlandhai gemacht. Dessen Fleisch ist eigentlich sehr giftig, der Verzehr wäre tödlich. Da auch die Isländer an ihrem Leben hängen, haben sie eine Methode entwickelt, den Grönlandhai vor dem Genuss zu entgiften: Sie vergraben sein Fleisch einfach für zwei bis drei Monate und lassen es verrotten und fermentieren. Danach hängen sie es noch für ein paar Monate zum Trocknen auf, damit der bei der Zersetzung gebildete Ammoniak verdunstet. Und jetzt liegt es auf meinem Teller. Ich schnüffle daran, meine Nasenhaare flattern verunsichert im Dunst, dann schiebe ich es in meinen Mund. Meine Zähne kauen das gummiartige Fleisch, das schmeckt wie eine Mischung aus vergessenem Stinkkäse und frisch gezapftem Ammoniak. Ich schlucke es. Meine Hand greift ohne meinen Befehl nach dem kleinen Schnapsglas, in dem das “Schwarzer Tod” genannte Gebräu steckt, das mir bei der Verdauung hilft. Wehe, wenn nicht.

Nach drei Wochen sind wir zurück in Reykjavik, doch hier ist Kulturfestival und wir finden keine Bleibe. Und es regnet. Auch in der nächsten Stadt Hafnarfjördur haben wir Pech. Letztendlich lässt uns eine ehemalige Pensionsbesitzerin nicht draußen stehen und räumt für uns das Zimmer ihres Sohnes, so dass wir mit ausreichend Schlaf und Gastfreundschaft im Herzen in aller Früh zum Flughafen aufbrechen können.

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