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Kolumbien - im Land der Lulo

Bei uns macht Kolumbien höchstens mit Drogenkartellen, Guerillas und erschossenen Fußballspielern Schlagzeilen. Kolumbianer nennen ihr Colombia deswegen auch Locombia („loco“ bedeutet „verrückt“). Doch das wunderschöne Land zwischen Pazifik und Karibik ist nun größtenteils wieder sicher. Und kredenzt uns schneebedeckte Berge, tropisch grüne Hügel und dichten Dschungel, paradiesische Strände, koloniale Städtchen, eine einzigartige Gastfreundschaft und noch viel viel mehr.Villa de Leyva

Statt Schnee sorgt Kitsch für weihnachtlichen Flair in diesen Breitengraden. Häuser und Bäume werden hell und schrill beleuchtet, so dass wir auch bei 30 Grad immer an unsere bibbernden Familien unter dem heimischen Ohtannenbaum erinnert werden.Weihnachtskrippe

Busfahrer haben statt Airbag und ABS meistens das Abbild von Maria oder einer Heiligen zum Schutz aufgehängt. Und können so unbekümmert Vollgas geben und in Kurven auch auf der Außenbahn überholen. Manchen Fahrgästen, die sich beim Einsteigen bekreuzigen, reicht das anscheinend nicht.

Direkt vor mir hört der Boden auf, fällt 60 m in die Tiefe und geht erst dort unten wieder weiter. Das Wasser neben mir merkt das zu spät und stürzt erschrocken herunter. Unten hat es im Laufe der Zeit aber einen großen Pool geformt, wo es von seinen Artgenossen aufgefangen wird. Ich schaue vorsichtig den Wasserfall hinunter, unten stehen aber keine meiner Artgenossen, die mich auffangen wollen. Na gut, dann seile ich mich eben ab. Am blanken schwarzen Fels hangel ich mich herunter, 60 m in die Tiefe. Völlig durchnässt komme ich auf diese Weise an Stellen, die man sonst nur von unten sehen kann. Unten angekommen springe ich in den natürlichen Pool und schaue noch einmal den Wasserfall hoch. Au weia.Abseiling

Geröstete Riesenameisen gelten als eine Spezialität im Hochland von Santander. Man kann sie als knusprigen Snack in kleinen Tüten und Schächtelchen überall kaufen. Sie schmecken muffig, erdig, nach Geräuchertem. Eine herrliche Delikatesse – jedenfalls für einen Ameisenbären.Baum mit Bart

Barichara ist ein wunderschönes kleines Kolonialstädtchen. Die blau-weiß und grün-weiß getünchten Häuser strahlen im Licht der Sonne, die rot-braunen Dächer passen sich gut in die Farben der Umgebung ein. Hier fällt mir auf, wie oft die Kolumbianer einfach nur an Wänden herumstehen und schauen, was so passiert. Meistens nichts.Ecke in Barichara
Kirche in Barichara

Kolumbien ist ein Früchteparadies, hier gibt es so gut wie alles und das so gut wie immer. Neben den üblichen Verdächtigen Mango, Papaya, Ananas usw. gibt es drei Sorten von Passionsfrüchten (Maracuja, Curuba und Granadilla), die Baumtomate, die Guanabana (im Deutschen auch Sauersack genannt), Physalis, Guayaba, einige andere, deren Namen ich vergessen habe, und die unvergleichliche Lulo, die nur in Kolumbien und den Grenzregionen der Nachbarländer wächst. Lecker, lecker. Sie schmeckt wie eine Mischung aus Kiwi und Maracuja. Auch gut aussehende Männer werden in Kolumbien Lulo genannt.Fruchtparadies

Zur Warnung beim Rückwärtsfahren spielen viele Busse und Lkws Warntöne oder eine Melodie ab. Sehr beliebt ist der “Lambada”. So hört man an allen Ecken den bekannten Hit, sobald ein Bus oder Lkw herumrangiert.Straßenszene
Canyon

Durch einen Canyon führt die zehnstündige Fahrt in das kleine Dörfchen El Cocuy. Hier laufen die Männer mit Cowboyhüten, Ponchos und Sporen herum. So kurz vor Weihnachten findet jeden Abend eine volksfestartige Veranstaltung statt mit Tänzen, lauter Musik, Wahl einer Weihnachtskönigin, Kabarett, Verkleidungen und Grillspießen. Da steht dann zur Abwechslung mal das ganze Dorf zusammen herum und schaut, was so passiert.Ponchoman

Pueblo de El Cocuy

Die Vegetation im Hochland von El Cocuy ist einzigartig und lustig. Überall, auch noch auf 4.000 m Höhe, wachsen diese seltsam gräulichen kakteenartigen Pflanzen mit dicken grau-gelben Blättern, die sich anfühlen wie Hasenohren. Es ist ein wildes, felsiges Land mit kleinen Seen und schneebedeckten Gipfeln. Hier gibt es keine Zivilisation, nur einige Brillenbären und Pumas siedeln hier.Frailejones
Reiter

Auf unserem stundenlangen Rückweg in das Dorf marschiert ein Trupp von sechs Soldaten an uns vorbei. Doch dann überlegen sie es sich anders und warten, um uns zu begleiten. Ein Trommelfeuer an Fragen prasselt auf uns nieder: Gibt es Wald in Deutschland und sieht es aus wie in Kolumbien? Wie kalt ist es? Kennt man dort Shakira? Was gibt es für Tänze? Verdienen die deutschen Soldaten auch so schlecht? Warum produziert Deutschland Autos und Kolumbien nicht, wo doch Kolumbien viel größer ist als Deutschland?SoldatenHochlandrind
An der Karibikküste ganz im Nordosten liegt die wüstenartige Halbinsel Guajira, das ist unser nächstes Ziel. Uribia ist so etwas wie die Hauptstadt der Wahuu, die die Gegend hier bevölkern. Hier warten wir ein bis zwei Stunden, bis der Pick-up mit Fahrgästen voll ist. Dann geht’s über eine Wüstenpiste nach Cabo de la Vela. Der Fahrer ist nebenbei noch Postbote und Bierlieferant. Irgendwo im Nichts steht eine Hütte, doch statt Wasser oder Lebensmittel lädt er zwei Kästen Bier ab.Wahuu
Kneipe?
Cabo de la Vela

Wir gehen eine Stunde quer durch Buschland und entdecken einen Strand ganz für uns alleine. Pelikane stürzen sich ins Meer und tauchen mit einem Fisch im Schnabel wieder auf. In der Ferne sehen wir eine weiße Fläche. Die vermeintliche “Salzwüste” entpuppt sich als ein Morast, der unter der weißen Oberfläche schwarz und dunkelgrün ist. Das merken wir allerdings erst, als wir schienbeintief drinstecken. Klapperschlangen fliehen vor unseren Schritten, als wir schwarzfüßig durch die Steppe wieder zu unserer Kokoshütte zurückmarschieren.SteppenschafeSpuren im Morast

Um zum nördlichsten Zipfel Südamerikas zu gelangen, müssen wir mit einem motorisierten Holzkahn fahren. Die See ist ziemlich unruhig, die Wellen klatschen uns heftig entgegen und nach einer Stunde ist nichts mehr an uns trocken. Der Wind pfeift unentwegt und es wird trotz Sonnenbrandgefahr ziemlich kühl. Dazu kommen immer wieder die harten Schläge, wenn das Boot von einer Woge auf das Wasser herunterknallt. Die erste Stunde ist witzig. Die zweite nervt. In der dritten Stunde hofft man, dass es nur irgendwann vorbei sein möge. Dann kommt die Erlösung, als wir die orange-braunen Klippen mit dem karibikgrünen Meer vor uns sehen.Bucht am Ende der WeltPritschenwagen

Hier fühlt es sich an wie am Ende der Welt: die vereinzelten Hütten von Wahuu-Familien, das unwirtliche, wüstenartige Land, die wie von Fjorden durchzogenen Halbinseln. Von dort fahren wir auf einem Pick-up durch die Steppe zu großen wogenden, unberührten Wüstendünen, die hier direkt in das Meer herunterfallen. Der Wind hat herrlich schöne Muster in den Sand gezeichnet, die wir zum Meer rennend leider zerstören müssen. Auf dem Rückweg zur Hütte stehen Esel grüßend am Wegesrand. Nebenbei müssen wir noch einen anderen Pick-up aus dem Sand ziehen. Abends essen wir frischen Red Snapper, so wie meistens.Ins Meer

In Cabo de la Vela steht auf der Rechnung für unsere Hütte und das verzehrte Essen statt einer Hüttennummer oder unseren Namen einfach nur “Gringos”. Um 4:00 Uhr früh geht’s auf dem Pick-up zurück nach Uribia. Acht Leute sitzen schon auf der Pritsche, als einer eine Ziege als neunten Fahrgast anschleppt und auf die Ladefläche hievt. Zu meiner Überraschung sind die anderen Fahrgäste dagegen und die Ziege bleibt verstört im Sand zurück.

Eingecheckt, Zeug aufs Bett geschmissen und raus ins Vergnügen! Im Vorraum sitzt die achtköpfige Familie zusammen, die das Hostel betreibt, und blättert neugierig in unseren Pässen. Der Vater sieht „Deutsch“ und ruft: „Ah, Dutch! Das sind Niederländer!“Rumsitzen

Cartagena ist eine karibisch bunte Stadt voller Lebensfreude und Piratenflair. Herrlich farbige Häuser aus der Kolonialzeit mit Blumen und prächtigen Balkonen machen die Altstadt zu einem echten Juwel. Leider wohnt hier auch der schlechteste Barbier Kolumbiens. In nur zehn Minuten verunstaltet er auf eindrucksvolle Weise, was über Jahre in meinem Gesicht gewachsen ist.Straßenzug in CartagenaBalkone
Siesta

Nach einer Stunde Warten tauchen zwei weitere Fahrgäste auf, die den Kombi füllen – es kann losgehen. Der Fahrer ist bester Laune, denn den zwei Frauen neben ihm gefällt die Musik und sie singen und lachen die ganze Fahrt. Wir wollen aber noch weiter nach San Bernardo. Kein Problem, der Fahrer ruft einen Kumpel an, der uns dann nachts in Höllentempo und waghalsigen Überholmanövern zur Küste bringt. Mein Gurt auf dem Beifahrersitz ist kaputt und meine selbstlosen Reisegefährten hinten sagen: “Du stirbst mit uns.”

Außer waschmittelweißem Sand hat der Strand von San Bernardo alles zu bieten, was man braucht: Kokospalmen, feinen hellgrauen Sand und hohe Wellen. Wir sind hier die einzigen ausländischen Touristen. Bauern aus der Umgebung kommen und verkaufen Obst, andere verkaufen Selbstgebackenes. Am Strand patrouillieren Soldaten. Schöner kann Wehrdienst kaum sein.Strand von San BernardoWehrdienst im ParadiesEseltransport

Von der Küste geht es in Serpentinen ins Hochland von Medellin. In jeder Kurve hat man herrliche Ausblicke auf üppig grüne Täler. Von Medellin gibt es keinen Bus mehr zu unserem Ziel, also werden wir an einen Privatmann vermittelt, der erst einmal geweckt werden muss. Auf der dreistündigen Fahrt erzählt er uns, wie man diese Straße jahrelang überhaupt nicht befahren konnte, wie mit den Guerillas aufgeräumt wurde und wie er früher mit japanischen Journalisten Drogenbarone verfolgt hat. Und zum Schluss planen wir zusammen eine Lulo-Exportfirma.Tropische Hügel

Wir gehen durch einen Berg. Warnend schreien und flattern fledermausartige blinde Vögel von Taubengröße in den ersten zwei Kammern des Höhlensystems umher. Es ist zu dunkel, um sie zu sehen, aber es klingt schauderhaft krächzend, heiseren Hexen ähnlich. Doch wir lassen uns nicht vertreiben und waten einem Bach folgend durch Tropfstein- und Marmorhöhlen. Die Gänge sind aus glattem, hellem Marmor, es geht um Kurven und Ecken, dann in riesige Räume, das Wasser mal knietief, mal müssen wir schwimmen, die Taschenlampe immer in der Hand. Danach springen wir zwei Meter nach unten in einen Wassertopf und von dort auf einer Marmorrutsche weiter in den nächsten Topf. Wie für einen Indiana-Jones-Film gemacht, aber von der Natur erschaffen. Nach etwa einer Stunde kommen wir dann auf der anderen Seite des Berges wieder heraus.

Unter uns räkeln sich die Bahamas in der Sonne, als wir schlecht gelaunt mit dem Flugzeug zurück ins europäische Schneechaos fliegen.Heimflug

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