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Le scharfes S, c'est moi

Seht es euch an, das hochgeborene ß: Auf der rechten Seite wölbt sich leicht erhaben der Oberkörper (Bauch würde sich keiner zu sagen trauen) und darüber reckt es den sinnlich runden Kopf, von dem die langen druckschwarzen Haare bis zur Hüfte fallen.

So steht es stolz und aufrecht da und schaut gedankenverloren nach rechts, voll Sehnsucht, voll Trauer um vergangene Zeiten. Früher schmückte es viele wichtige Wörter wie “daß”, “Fluß” und “Ausschuß”. Doch Ende des 20. Jahrhunderts war es aus mit der Pracht. Gleich dem Sturm auf die Bastille wurde mit der Rechtschreibreform das aristokratisch anmutende ß aus wichtigen Positionen, Ämtern und Wörtern entfernt und seiner Macht beschnitten. Wie ein entmachteter König, ein ehemaliges Weltreich oder ein ausgemusterter Taschenrechner musste sich das ß mit seiner degradierten Rolle abfinden. Und diese annehmen, wenn es in dieser schnelllebigen Welt überleben und nicht als Kuriosum einer vergangenen Epoche auf dem Friedhof der deutschen Sprache oder als 500-EUR-Frage bei “Wer wird Millionär?” landen wollte: “Wie wurde der Buchstabe ß allgemeinsprachlich genannt? A) Blondes B, B) Heißes H, C) Kokettes K, oder D) Scharfes S.”

Folglich musste sich das ß auch entsprechend klar positionieren und seinen neuen Wirkungsbereich definieren. Und so lautet die vereinfachte Doktrin: Nach kurzem Vokal wird ss, nach langem Vokal ß geschrieben. Somit kann der Ruß von dem Russen unterschieden werden und die Buße von den Bussen. Die Macht aber war nun zu Gunsten des Doppelkonsonanten ss umverteilt worden. Seine majestätische Würde hat das ß jedoch nie verloren. Es glaubt fest daran, dass es weiterhin eine wichtige Rolle in der deutschen Sprache spielen wird, als erfahrener Ehrenbuchstabe und enger Partner der langen Vokale.

Und so fragt viele Jahre später der greise Günter Jauch mit schneidender Stimme den noch jungen, aber schon schwitzenden Kandidaten: “Wollen Sie nicht lieber einen Joker einsetzen?” “Ja, da werde ich wohl meinen Opa anrufen müssen, der weiß das, der war früher Texter.”

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