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Auf der Anklagebank

2. März
Ihr Name war Siegfried. Als ich vor 10 Jahren im Penny-Markt zwei Pflanzen für den Spottpreis von jeweils 2,99 D-Mark (!) kaufte, war ich der Überzeugung, mein Geld gut anzulegen. Schließlich waren sie durch eine harte Schule gegangen. Eine Pflanze, die Lagerleben und Transporthölle einer Supermarktkette durchgestanden hat, in einen viel zu engen Topf gepresst, auf Paletten verfrachtet wurde und dann neben den 1,5-Liter-Zitronentee-Tetrapaks im fahlen Licht des Discounters auf einen Käufer wartete, musste extrem widerstandsfähig sein. Nur die Härtesten kamen durch, dachte ich mir. Klar, die freundlichen grünen Wesen waren sicherlich schwer traumatisiert, die seelische Belastung muss enorm gewesen sein. Aber wer so viel durchgemacht hat, würde es bei einem Gründaumenlosen wie mir bestimmt auch einmal drei Wochen ohne Wasser aushalten.

Also kaufte ich zwei dieser Photosynthesizer – den einen taufte ich Siegfried, den anderen Roy. Sie waren mir treue Gefährten. Und wenn ich mal wieder vergaß sie zu gießen oder Sonne und Luft ins Zimmer strömen zu lassen, machte es ihnen nichts aus. Kein Jammern, kein Schreien. Andere Pflanzen verendeten unter meiner Herrschaft. Nur die gestählten Penny-Pflanzen ertrugen alles.

Doch dann kamen diese penetranten Fliegen, diese Stalker-Fliegen, und belästigten Siegfried tagelang. Als es mir schließlich zu bunt wurde, stellte ich die Pflanze raus in die Kälte, auf dass die Fliegen das Weite oder eine beheizte Behausung in der Nachbarschaft suchten. Über Nacht kam der Schnee und legte seine weißen, eiskalten Arme um Siegfried. Der ließ zum ersten Mal in seinem Leben die Blätter hängen… Als ich die leblose Pflanze barg, vom Schnee befreite und an die Heizung stellte, war es schon zu spät.

Jetzt sitze ich auf dem Küchenstuhl und erwarte mein Urteil. Die böse Miene des in eine schwarze Richterkutte gehüllten Ameisenbären lässt nicht auf Milde hoffen.

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